Naturgarten - was ist richtig und was ist falsch?

Auf dieser Site möchte ich noch einmal die zentralen Gedanken bündeln - und dann einige Dinge ansprechen, die suboptimal sind. Für Anregungen, was noch auf der Site stehen könnte, bin ich jederzeit dankbar.

Zunächst noch einmal das Ziel des Handelns im Natur-Garten:

Ziel all unseres Eingreifens in die derzeitigen (vor Beginn sub-optimalen) Verhältnisse war und ist es, die Artenvielfalt in Bezug auf alle Organismengruppen (Pflanzen incl. Moose, Pilze, Wirbeltiere und wirbellose Tiere aller Gruppen, Protisten aller Gruppen, Prokaryonten) und in Bezug auf alle ökolgoischen Gruppen (grüne Produzenten, Konsumenten, Reduzenten bzw. Destruenten, parasitische Formen, Räuber und Beute, Weidegänger u.a.) zu erhöhen. Jede Art hat ihren biologischen Wert und steigert wiederum die Möglichkeit für ein weiteres Steigen der Artenvielfalt. 

Um dies zu erreichen, sind vor allem einmal Dinge wichtig, die man nicht tun sollte:

  1. Einbringen jeglicher Art von Gift ist tabu. Kein Blattlaus-Gift, kein Unkraut-Ex, kein Moos-Ex, nichts dergleichen. Auch kein Schneckenkorn, kein Streusalz, kein Blaukorn (das ist Gift, auch wenn es auch unter Punkt 2 fällt).
  2. Keine Düngung mit Kunstdünger aller Art und mit konzentriertem Dünger aller Art (Gülle, Jauche, frischer Mist) - dies ist genauso tabu wie Gift. Geringe Dosierung von abgelagertem Naturdünger (z.B. Kuh-, Pferde- und Schafmist) ist in der Nahrungszone (der Produktionszone z.B. für pflanzliche Lebensmittel) erlaubt - es sollte aber sicher gestellt sein, dass die Nährstoffe nicht in die restlichen Gartenbereiche aus-diffundieren.
  3. Mulchen Sie nicht. Entfernte Pflanzenteile durch Mahd oder andere Eingriffe gehören auf den Komposthaufen, sie wandern ins Nahrungsfeld. Mulchen wirkt sich wie Düngen aus, denn der Stickstoff geht wieder zurück ins System. Über die Luft kommt heutzutage überall sowieso Stickstoff hinzu und insofern steigt der Pegel durch Mulchen. Die Mahd führt man am Besten spät durch, ein guter Zeitpunkt ist Mitte bis Ende August. Dann entnimmt man dem System mehr Stickstoff als Kohlenstoff, und genau das führt zur für wertvolle Artenvielfalt wichtigen Nährstoff-Armut. 
  4. Möglichst wenig gezüchtete Pflanzen (allenfalls Gemüse- und Obstpflanzen dürfen Kultivare sein), keine Zierpflanzen aus dem Gartenmarkt. Das Angebot von Gartenmärkten und Baumschulen oder vergleichbaren Lieferanten von Gartenpflanzen sollte vor Kauf und Bestellungen gut studiert werden. Nur Angebote mit lateinischem Pflanzen-Namen ohne Zusatz sind (hoffentlich - im Falle, man kann dem Anbieter vertrauen) unveränderte Naturpflanzen. Also z.B. Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica) - so (ohne Zusatz zum aus zwei Worten bestehenden lateinischen Pflanzen-Namen) eine Wildform, die man empfehlen kann (vorausgesetzt, man ist in der Lage, der Pflanze die nötigen Wuchsbedingungen zu schaffen). Dagegen ist Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica "Blue Star") eine Zuchtform, die gegenüber der Wildform verändert wurde. Dies ist durch den Namens-Zusatz in Anführungszeichen gekennzeichnet. Solche Pflanzen sollten für Gärten mit dem Ziel einer natürlichen Artenvielfalt gemieden werden. Sie sind zwar eventuell trotzdem Nahrung für Wild-Insekten (als Nektarlieferant, unter Umständen (nicht sicher!) auch als Nahrungspfflanze für Raupen), helfen aber der bedrohten heimischen Pflanzenwelt nicht weiter. Wir kaufen für unsere Hotspot-Zonen (vgl. einleitende Teile der Site) nur unveränderte Wildpflanzen und -samen oder bringen solche (als Samen oder Pflanzen) aus (nicht geschützten Bereichen) der Natur ein. 
  5. Möglichst wenig nicht-heimische Pflanzen (nur Gemüse- und Obstpflanzen dürfen Kuiltivare sein). Wir haben z.B. eine Kanadische Felsenbirne (Amelanchier lamarckii) neben einer Europäischen (A. ovalis), da diese doch etwas üppigere süßere Früchte bildet. Wir haben im Gemüsefeld neben einheimischen Pflanzen auch z.B. Tomaten und in wechselnder Zusammensetzung andere Fremdlinge.

Das ist eigentlich schon alles. Wenn diese - vor allem einmal die ersten zwei - Bedingungen eingehalten werden, dann führt der Einfluss des Arbeitens (oder auch des Nichtstuns) zu besseren Verhältnissen als anfangs gegeben, vor allem dann, wenn der vorausgehende Zustand (der Einfluss der vorher wirtschaftenden Menschen) die Prämissen nicht erfüllt hat.

Kunstduenger dunkelgruen bei Ueberdosierung verbranntes Gras nichts waechst mehr Spraitbach Naturgarten PIlzschule Schwaebischer Wald Krieglsteiner Feldmykologe Gartenmarkt
das kommt davon, wenn man den Verheißungen der Düngemittelfirmen und der fahrlässig agierenden Gartenbaumärkte glaubt: aus anfänglich ganz nach Wunsch dunkelgrün verfärbtem Rasen (das ist kein gutes Zeichen!) wird mit der Zeit "verbrannte Erde". Und die Reaktion der Anwender? "Ich habe doch so schön viel Dünger eingebracht, und jetzt wächst gar nichts mehr". Genau. Und nebenbei hat man die Umwelt vollkommen unnötig belastet und die Lebensbedingungen für die Mehrzahl der heimischen Wildkräuter für lange Zeit irreversibel zerstört. Von den geliebten Bienen nicht zu sprechen. So geht es nicht! (Foto Lothar Krieglsteiner, Garten in Spraitbach). Deshalb gilt für jeden Naturfreund: Kunstdünger ist Gift und ist für den Garten deshalb tabu.

 

Einige besonders schädliche Kuilturpflanzen möchte ich im Folgenden darstellen, da sie ein schärferes Licht auf die Problematik der Pflanzenauswahl werden.

  1. Keine Kultur-Primeln gelb-violett - Zuchtformen der Stängellosen Schlüsselblume Primula acaulis). Unsere heimische Primel-Arten sind die Hohe oder Wald-Schüsselblume (Primula elatior) und die Echte oder Wiesen-Schlüsselblume (Primula veris). Beide bilden mit Primula acaulis (Wildformen und Kultivare) Bastarde, die schließlich dazu führen können, dass sich die Wildformen (zunächst örtlich) nicht mehr vermehren können und so mittelfristig aussterben. Die so wichtigen Bestäuber (Bienen u.a.) fliegen von Gartenprimeln zu unseren Wildprimeln und übertragen den Pollen auf diese. Dadurch entstehen Bastarde, die sich genauso vermehren wie die Kulturformen, die wie die Wildformen nach und nach in eine hybride Population übergehen. Wildformen der Stängellosen Schlüsselblume (diese gibt es nur in Blühfarbe gelb!) sind in Südosteuropa beheimatet, wo "unsere" beiden Primelarten fehlen oder nur selten vorkommen.
 Primula acaulis Bastarde Gartenprimeln gelb violett lila Staengellose Schluesselblume Maerchengarten schaedlich Wildformen Echte Hohe Wiesen Wald gepflanzt ausgebracht Gartenabfaelle Waldwege Rastplaetze
 Garten mit rasch sich ausbreitenden Gartenprimeln (Zuchtformen der Stängellosen Schlüsselblume Primula acaulis). In der Umgebung solcher Gärten haben Wildformen keine Chance mehr. Schlimmer noch ist die Tatsache, dass diese Gartenprimeln zunehmend im Freiland anzutreffen sind, wo sie mit Gartenabfällen verwildern oder auch ganz absichtlich zur "Verschönerung" von gut-meinenden Personen ausgebracht werden. Da sich die Gartenprimeln vielerorts sehr wohlfühlen, sind sie bald kaum mehr auszurotten und werden sich zu einer zunehmend ernsten Gefahr für unsere Wild-Primeln entwickeln.
 
Primula elatior Hohe Schlsselblume Waldprimel Naturform Wildform schattige frische feuchte Standorte essbare Wildkraeuter PilzCoach Feldmykologe Pilzschule Schwaebischer Wald Bastarde
Wald-Schlüsselblume oder Hohe Schlüsselblume (Primula elatior) an einem Wald-Standort. Die teilweise geschützte Art (erlaubt ist das Pflücken eines Handstraußes, verboten ist Ausgraben) wächst vor allem an schattigen, aber auch besonnten, boden-frischen Standorten und war in Deutschland sehr häufig. Sie kommt immer noch vielerorts reichlich vor, ist aber durch Hybridisierung mit Primula x acaulis stärker gefährdet als durch Ausgraben. Gefahr besteht natürlich auch durch Überdüngung, wobei es sich nicht um eine besonders empfindliche Art handelt, denn sie "mag" sogar von Natur aus recht nährstoffreiche Standorte.
 
 Primula veris officinalis Echte Wiesen Schluesselblume Primel Magerwiesen Kalk waermeliebend essbare Wildkraeuter Hybride Primula acaulis Gartenformen Rueckgang
 Wiesen-Schlüsselblume oder Echte Schlüsselblume (Primula veris) an einem Wiesen-Standort. Die eher wärmeliebende Art vor allem besonnter, basenreicher, eher trockener Standorte war früher deutlich häufiger, ist aber immer noch weit verbreitet und in einigermaßen mageren Wiesen oder lichten Wäldern über Kalkboden örtlich häufig. Sie ist wie die Wald-Schlüsselblume teilweise geschützt (s.o.). Gefährdet ist sie allerdings höchstens am Rande durch Ausgraben, sondern viel stärker durch Nährstoffeinträge und zunehmend durch Hybridisierung der Wildpopulationen mit der Stängellosen Schlüsselblume.
 
 Primula veris x acaulis Wiesen Staengellose Schluesselblume Gartenformen Durlangen Waldweg Waelder Rueckgang Aussterben Wildformen
 Garten in Durlangen mit ursprünglich dort wachsender (von einem wirklichen Naturfreund eingebrachter) Wiesen-Schlüsselblume (Primula veris) im Vordergrund. Im Bild sehen Sie weiterhin Hybrid-Pflanzen - Bastarde mit der im ganzen Garten später eingebrachten Stängellosen Schlüsselblume (bzw. deren gelb und lila blühenden Kultuformen). Die Wiesen-Schlüsselblume kann sich nicht mehr artrein fortpflanzen und wird dort und anderswo mit der Zeit verschwinden. Die ursprüngliche Pflanze bleibt natürlich erhalten - irgendwann wird sie aber eingehen (Fotos Lothar Krieglsteiner) - die Hybride gelangen mehr und mehr in die Überzahl.

 

2. Mahonie (Mahonia aquifolium)

Der als invasiver Neophyt (Neubürger der heimischen Flora, der sich durch Eindringen und aggressives Verdrängen heimischer Arten in naturnahen Pflanzenbeständen ausweist) klassifizierte Strauch wird nach wie vor von Gartenmärkten beworben und erfolgreich in großer Menge verkauft. Der gelb blühende, immergrüne Strauch zählt zu den häufigsten Gartengehölzen. Ein Unding, denn man sieht gleichzeitig dabei zu, wie die Art in naturnahe, wertvolle Pflanzenbestände eindringt, so in Sand-Magerrasen oder in wärmeliebende Gebüsche auf Kalkböden (so z.B. in starkem Maße beobachtet im Nahe-Tal in dortigen NSG). Die Mahonie wird noch viel Ärger bereiten. Es wäre an der Zeit, sie aus den Angeboten heraus zu nehmen - es nicht zu tun ist dagegen ein Zeichen von Ignoranz (oder von Nicht-Wissen). Verantworungsvolle Gartenbesitzer werden diesen Busch nicht pflanzen. Seine Beeren werden gerne von den Vögeln gefressen, die sie durch ihren Kot dann überall verbreiten, eben auch an Stellen hin, wo die Pflanze ihre schädliche Wirkung entfalten kann. Verzichten Sie auf Mahonie und weisen Sie jeden Gartenbesitzer mit diesem Strauch im Garten auf die Problematik hin.

Mahonia aquifolium Berberitzengewaeche invasiver Neophyt blaue Fruechte Voegel Verbreitung Naturstandorte Schadwirkung Verdraengung wertvolle heimische Flora Angebot Gartenmaerkte herausnehmen
gelb blühende, immergrüne Mahonie (Mahonia aquifolium) in Garten in Spraitbach (Foto Lothar Krieglsteiner). Bitte pflanzen Sie diesen Strauch nicht - er ist ein invasiver Neophyt und verdrängt seltene Pflanzen in der Natur. Sagen Sie jedem Gartenbesitzer, dass er die Pflanze entfernen soll. Das ist gar nicht so leicht.

 

Mit der Zeit werde ich hier noch weitere Beispiele für (für das Ziel der Artenvielfalt) ungünstige Gartenpflanzen oder für ungünstige Schaffensweisen im eigenen Garten einfügen. Wir bitten jeden kompetenten Leser um Vorschläge!