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 Pilz des Monats Dezember 2013:  

Blauer Schleimfuß (Cortinarius salor)

Zum zweiten Mal führte ich in diesem Herbst einen Schleierlingskurs durch – und es gab zahlreiche Schleierlingsarten zu sehen. Eine Stelle war besonders artenreich, dort standen weitere schöne Schleierlinge in direkter Umgebung herum, so der Anis-Klumpfuß (C. odorifer) und der Schwarzgrüne K. (C. atrovirens), beides durchaus auch einmal Kandidaten für einen Pilz des Monats. C. salor ist nicht der einzige Schleimfuß mit blauer Färbung, allerdings sicher der am intensivsten gefärbte. Verwechslungsgefahr besteht u.a. mit dem Safranblauen Schleimfuß (C. croceocaeruleus), der aber eine bitter schmeckende Huthaut hat und in wärmebegünstigten Laubwäldern auf Kalkböden zu Hause ist. C. salor scheint eher eine Art der Gebirgslagen zu sein und kommt bei Laub- und Nadelbäumen vor. Die Art ist auch in der Tendenz etwas größer. Verwechslungsgefahr besteht natürlich auch mit Schleimköpfen, vor allem bei trockenem Wetter. C. salor ist nicht sehr schleimig am Stiel, und das gilt auch für einige weitere Schleimfüße.

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Blauer Schleimfuß (Cortinarius salor) - Schwäbischer Wald unweit Alfdorf, unter Tannen.

Solche Pilze wünscht man sich beim Schleierlingskurs ... (Foto L. Krieglsteiner)

Viele Leute haben Angst davor, sich näher mit Schleierlingen zu befassen. Dies erscheint aufgrund der großen Artenfülle und der schwierigen Literatur-Situation begründet. Allerdings gilt wie für alle Pilzgruppen: es gibt schwer bestimmbare Arten, aber es gibt auch leicht bestimmbare Arten. Und man schafft es durchaus, sich einen gewissen Überblick über die Gattung zu verschaffen. Auch hat sich die Literatur-Situation etwas verbessert, denn die Schlüssel in Funga Nordica oder auch in Pilze Baden-Württembergs sind durchaus in vielen Fällen brauchbar.  Einen Schleierlingskurs von Pilzschule Schwäbischer Wald zu besuchen lohnt sich also auf alle Fälle!

Alle Schleierlinge sind Mykorrhizapilze, alle haben rostbraunes Sporenpulver. Zusammen mit dem als „Schleier“ (Cortina) ausgebildeten Teilvelum (Velum partiale) ist die Gattung damit festgelegt. Schleierlinge haben aber auch ein (bei der vorliegenden Art und im Bild kaum zu sehendes) Gesamtvelum (Velum universale), das z.B. bei „Gürtelfüßen“ besonders ins Auge fällt. Das rostbraune Sporenpulver ist im Foto von C. salor gut zu sehen und auch sonst häufig direkt in der Natur zu beobachten. Das liegt daran, dass schon viele Sporen herunterfallen, wenn der Schleier noch gespannt ist, und diesen einfärben, so dass eine rostbraune gefärbte Zone am oberen Stielbereich ausgebildet wird.

Früher galten alle Schleierlinge als essbar. Das änderte sich erst mit dem Bekanntwerden der tödlich giftigen Rauköpfe. Heutzutage wird meist das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und alle Schleierlinge als giftig „verkauft“. Dass es z.B. nach wie vor unter den Schleimfüßen keine giftigen Arten gibt, ist kaum bekannt. Der Blaue Schleimkopf kann also gegessen werden. 


Pilz des Monats November 2013:

Sommertrüffel (Tuber aestivum)

Die Aufnahme unten entstand im Rahmen des Trüffelkurses auf der Exkursion am 27.10.2013 am Fuß des „Scheuelberg“ unweit Heubach und Bargau am Trauf der Schwäbischen Alb unweit von Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg ö. Stuttgart). Fundort war ein erstaunlich junges Buchengehölz am Rande eines Wanderweges. Finder waren zunächst Trüffelhunde (Lagotto Romagnolo), dann durften auch die Teilnehmer des Trüffelkurses einige Trüffeln ausgraben.

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Sommertrüffel alias Burgundertrüffel (Tuber aestivum) bei Schwäbisch Gmünd-Bargau (Trauf der Schwäbischen

Alb, Baden-Württemberg) - Pilze im Ganzen und im Anschnitt (Foto L. Krieglsteiner)

Genau genommen ist dies am Rande der Legalität. Trüffeln stehen unter Naturschutz und dürfen nur zu wissenschaftlichen Zwecken entnommen werden. Natürlich wurde auch mikroskopiert und Belegmaterial für ein öffentliches Herbar angefertigt. Aber worauf beruht der Schutzstatus der Trüffeln? Zunächst darf hier erwähnt werden, dass die Sommertrüffel auf der Roten Liste Deutschlands als „vom Aussterben bedroht“ (1) klassifiziert ist. Dies wiederum liegt daran, dass wohl alle Bearbeiter dieser Liste Trüffeln entweder noch nie oder zumindest äußerst selten zu Gesicht bekommen haben. Daraus und aus dem Handelswert der Trüffeln wurde der Eindruck konstruiert, Trüffeln seien eben sehr seltene Pilze. Dies entspricht jedoch nicht der Wahrheit. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist zum einen die Tatsache, dass im 19. Jahrhundert nicht etwa Frankreich oder Italien, sondern Deutschland Europas Trüffel-Exportnation Nummer 1 war. Die Trüffeln kamen dabei auch nicht etwa überwiegend aus dem warmen Baden, sondern vielfach aus Niedersachsens Kalk-Hügelländern. Zum anderen ist erwähnenswert, dass in jüngerer Zeit gerade in Niedersachsen um die 500 Fundstellen der Sommertrüffel neu entdeckt wurden, wobei eben Trüffelhunde stark an dieser Ausbeute beteiligt sind. Auch in Baden-Württemberg und anderen Regionen Deutschlands wurde in den letzten Jahren bewiesen, dass Sommertrüffeln überall auf Kalkböden vorkommen und örtlich sogar äußerst häufig sind. Der Schutzstatus sollte also zumindest überdacht werden.

Sommertrüffeln und Burgundertrüffeln – so nennt man Formen, die später im Jahr wachsen und oft intensiver schmecken (es ist eigentlich erwiesen, dass sie keine eigene Art darstellen) – sind Mykorrhizapilze, die unter den meisten Laub- und auch Nadelbäumen zu finden sind. Neben Buchen, Eichen, Hainbuchen, Haseln, Linden und Birken sind dies durchaus eben auch Kiefern und sogar Fichten. Die Zucht im Keller ist somit nicht möglich, dagegen durchaus das Animpfen von Jungbäumen mit Pilzsporen und das Auspflanzen solcher Bäume in sogenannten „Truffieren“. Aufgrund der zwar gesunkenen, aber immer noch hohen Preise von Speisetrüffeln könnte dies ein lohnendes Unterfangen sein.

Beim Trüffelkurs in Durlangen vom 26.-27.10.2013 wurden natürlich nicht nur Sommertrüffeln ausgegraben, sondern auch andere, weniger brisante hypogäische Pilze. Es gab einen ausführlichen Vortrag über (fast) alle Aspekte des Themas Trüffel zu hören und außerdem konnten die TeilnehmerInnen einen Einstieg in die mikroskopische Wunderwelt der Trüffeln gewinnen. Nebenbei spielte auch Petrus gut mit, und die Exkursionen fanden trotz gegenteiligen Wetterberichtes bei erstaunlich gutem Wetter statt.


Pilz des Monats Oktober 2013:

Rinden-Scharfporling (Oxyporus corticola)

Ich kann mich noch erinnern, als ich als Teenager mit meinem Vater German J. Krieglsteiner die Porlingsflora im Raum Schwäbisch Gmünd erkundete. Schon damals fanden wir schöne Porlinge, so z.B. auch schon die heute häufig gewordene, damals aber als Seltenheit geltende, in Deutschland vorher noch nicht nachgewiesene (z.B. bei Jahn in seiner Porlingsarbeit nicht enthaltene) Orangefarbene Weichporling (Pycnoporellus fulgens), der auch einmal Pilz des Monats werden könnte. Und ja – Pilz-Verbreitungsbilder und –häufigkeiten fluktuieren im Verlauf der Zeiten immer wieder deutlich. So sind Häufigkeitangaben und auch ökologische Präferenzen bei Pilzen immer vorläufig – als gut anpassungsfähige Organismen können sie sich (in einem wie groß oder gering auch immer gearteten Rahmen) auch an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Auf alle Fälle gehört neben dem Orangefarbenen Weichporling auch der Pilz des Monats September in diese Kategorie. Bei Jahn ist die Art als Oxyporus ravidus enthalten, als sehr seltene Art der Gebirgslagen. Ich erinnere mich noch daran, dass wir sie vergeblich im Schwäbisch-Fränkischen Wald zu finden suchten, in dem wir damals schon etliche montan verbreitete (d.h. in Mittelgebirgslagen aufwärts vorkommende) Porlinge wie etwa den Bergporling (Bondarzewia mesenterica), den Weißtannen-Lackporling (Ganoderma carnosum) oder den Gestielten Harzporling (Podofomes trogii) mehrfach nachgewiesen hatten – letztere Art habe ich in den letzten 25 Jahren aber im Schwäbisch-Fränkischen Wald nicht mehr gesehen (was nicht heißt, dass sie nicht noch vorkommt). Auf jeden Falle damals Fehlanzeige für Oxyporus ravidus. Vor erst relativ wenigen, vielleicht 7 oder 8 Jahren (ich müsste tief in meine Listen schauen, um den genauen Zeitpunkt zu eruieren) fand ich die Art erstmals „bei uns“, im „Taubental“ bei Schwäbisch Gmünd, und zwar an zwei verschiedenen, voneinander entfernten Stümpfen von Fichte, dem meiner Erfahrung nach häufigsten Substrat von Oxyporus corticola, an diesem Fundort wächst die Art seither jährlich in üppiger Ausbildung. Es gehört zu dem typischen Erscheinungsbild der pileaten Form von O. corticola, und das ist O. ravidus, der demnach wohl zu Recht in der Synonymie verschwunden ist, dass die Art ganze Stümpfe mit zahlreichen fast dachziegeligen Hüten überzieht.

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Rinden-Scharfporling (Oxyporus corticola alias O. ravidus) - Fotos Lothar Krieglsteiner

Im typischen Falle und bei trockenem Wetter sind die Pilze nahezu rein weiß, vor allem die Unterseiten und das Fleisch. Anscheinend bei eher trockenen Wuchsbedingungen werden mehr resupinate Formen (ohne Hut) ausgebildet, die auch oft gelbliche Farbtöne aufweisen, so an besonnten Standorten in Wacholderheiden (bei Söhnstetten auf der Schwäbischen Alb, auf Fichtenstumpf) oder im Kulturland, dort an Apfelbaum (2 mal an diesem Substrat gefunden, einmal davon aber mit schönen Hüten). Überhaupt scheint die Art (neuerdings) nicht streng montan zu sein, das zeigen Funde von mir z.B. in Unterfranken (Klosterforst bei Kitzingen, ca. 200 m NN, September 2013) oder im Donautal bei Deggendorf.

Im Schwäbischen Wald habe ich seither etliche Stellen gesehen, einige davon üppige Ausbildungen; die Art scheint Fuß gefasst zu haben und kann bis auf weiteres (zumindest hier „bei uns“) als ziemlich häufig gelten. So ändern sich Pilz-Areale J

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Oxyporus corticola von verschiedenen Fundstellen in Baden-Württemberg und Bayern -

Pilze stets an Nadelholz - alle Fotos L. Krieglsteiner

Bei typischer hütiger Ausbildung ist die Art fast unverwechselbar. Die Hüte zeigen oberseits eine sehr charakteristische, so bei keinem mir bekannten anderen Porling ausgebildete, auffällige, abstehende Längs-Struktur – diese sorgt auch für die „borstigen“ Hutränder.

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Oxyporus corticola (ravidus) - typische Fein-Struktur der Hutoberseite - Foto Lothar Krieglsteiner

Unter feuchten Bedingungen werden die Hüte wie bei der bekannteren Schwester-Art Treppenförmiger Scharfporling (Oxyporus populinus) und einigen anderen Porlingen (z.B. Buckel-Trameten Trametes gibbosa) oft von Grünalgen überwachsen, ansonsten sind sie etwas abhängig von den Wuchsbedingungen (s.o.) rein weiß oder eher creme-hellbräunlich gefärbt. Die Poren sind relativ klein, aber deutlich größer als bei O. populinus, der auch eine andere Wuchsform aufweist. Rein resupinate Ausbildungen sind schwieriger und nur mikroskopisch sicher zu bestimmen, da es dann doch einige Verwechslungsarten gibt. 

Porlinge sind auch sonst eine sehr interessante Pilzgruppe – etliche Arten können sehr gut makroskopisch identifiziert werden, was aber durchaus eine gewisse Kenntnis voraussetzt, da die Arten im Verlaufe ihrer Entwicklung oft beträchtlich Ihr Aussehen verändern können. Ein gutes Beispiel hierfür ist z.B. der Rotrandige Baumschwamm (Fomitopsis pinicola), einer der häufigsten Porlinge, der aber so formenreich ist, dass er trotzdem in vielen Fällen nicht von vielen erkannt wird. Wer für Porlinge und ihre Formenvielfalt Begeisterung aufbringt, kann vom 7.-10. April 2014 viel lernen. Der Porlings-Kurs an der Pilzschule Schwäbischer Wald wird Ihnen die makroskopisch zugängliche Welt der Porlinge näher bringen. Porlinge treten uns oft als Parasiten oder Saprobionten an lebenden und toten Bäumen, liegenden Stämmen, Baumstümpfen und Ästen entgegen. Andere wachsen auf dem Erdboden und bilden Mykorrhizen aus. Viele Porlinge und andere Holzbewohner enthalten sehr interessante Wirkstoff-Kombinationen, die immunstabilisierend, blutdruck-harmonisierend und tumor-hemmend wirken. Manche Porlinge sind weich, andere das Härteste, was das Pilzreich hergibt und können es mit Holz aufnehmen. Einige der weichen Arten sind gute Speisepilze wie der Schwefelporling (Laetiporus sulphureus), der Kleine Schuppenporling (Polyporus tuberaster), der der Klapperschwamm (Grifola frondosa) oder der Schafporling (Albatrellus ovinus). Letzerer ist wie seine ganze Gattung aber geschützt und darf auch zu Speisezwecken nicht gesammelt werden (was davon zu halten ist, ist eine andere Frage, die ich an anderer Stelle häufig auf meine Weise beantworte)


Pilz des Monats September 13:

Blaunuss (Chamonixia caespitosa)

Die Blaunuss ist ein sehr interessanter Pilz. Die jung weißen Fruchtkörper blauen bei Berührung intensiv korblumen-farben. Schon früh wurde deshalb vermutet, dass es sich um einen nahen Verwandten der Röhrlinge handeln könnte, die Art wurde als verwandt mit dem Kornblumenröhrling (Gyroporus cyanescens) vermutet. Heute hat sich (durch DNA-Untersuchungen) herausgestellt, dass die Verwandtschaft mit den Röhrlingen absolut zutrifft, aber zu einer anderen Gattung, nämlich den Raustielröhrlingen (Leccinum), zu der die Art früher oder später wohl kombiniert werden wird. Die Gattung Chamonixia wurde nach dem Erst-Entdeckungsort benannt: Chamonix in den Französischen Alpen.

Wo wächst die Art? Nun – die Art entwickelt sich zunächst unterirdisch, bricht aber oft bald mit dem Scheitel durch die Erdoberfläche oder die Streuschicht durch, so, wie es für zahlreiche „falsche“ (weil Ständerpilze) und auch „echte“ (Schlauchpilze) Trüffeln der Fall ist. Meine bisherigen Funde der Art im Schwäbischen Wald (2 Fundorte), dem Hohen Bayerischen Wald und den rumänischen Karpaten weisen darauf hin, dass die Art stets bei Fichten vorkommt, wohl vorzugsweise auf sauren Böden in mittleren Gebirgslagen. Beide Funde im Schwäbischen Wald (in Höhen von ca. 400 und 500 m NN) sind direkt an Bachufern – an so einer Stelle sah ich die Art auch schon im Thüringer Wald (Fundstelle von Andreas Gminder). Im Bayerischen Wald und in den Karpaten war der Fundort bachfern, und jeweils unter einer großen, alten Fichte gelegen. Wie wohl fast alle hypogäischen Pilze ist auch die Blaunuss (wie ihre Verwandten, die Röhrlinge) ein Mykorrhiza-Pilz.

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Blaunuss (Chamonixia caespitosa) aus Untersuchungsfläche im Nationalpark Bayerischer Wald, unter Fichten, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Früher hat man alle „falschen Trüffeln“ als „Bauchpilze“ in einen Sack gesteckt. Heute stellt sich heraus, dass sie mit ganz unterschiedlichen Gruppen von Hutpilzen oft sehr nahe verwandt sind. Es handelt sich nicht um eine systematische Kategorie, eher um eine Art Strategie. Im Gegensatz zu vielen oberirdisch wachsenden Hutpilzen setzen sie nicht darauf, ihre Sporen mit dem Wind verbreiten zu lassen, sondern vertrauen darauf, dass Tiere (Säugetiere, Vögel, …) sie ausgraben, aufessen und andernorts die unverdauten Sporen wieder ausscheiden – und sie auf diese Weise an weiter entfernte Plätze gelangen. Zu diesem Zweck haben viele von ihnen besondere, oft intensive Gerüche entwickelt. Die Blaunuss hat aber keinen für uns besonders auffälligen Geruch – trotzdem funktioniert ihr Plan, sonst wäre sie wohl schon ausgestorben J

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Detail aus der Gleba der Blaunuss (Chamonixia caespitosa) - Foto P. Püwert aus Thüringen

Hypogäen oder „Trüffeln“ im weiteren Sinne sind in vielerlei Hinsicht besonders faszinierende Pilze. Ich möchte an dieser Stelle deshalb noch auf meinen Kurs „Hypogäische Pilze“ hinweisen, der am Wochenende 26. Und 27. Oktober in Durlangen (n. Schwäbisch Gmünd) stattfinden wird. Stargast wird der Trüffelhund „Lisa“ sein, den Bärbel und Jochen Schöttker aus Hamburg mitbringen und der sicherlich dafür sorgen wird, dass die Ausbeute höher sein wird als ohne Hund.


Pilz des Monats August 2013:

Unverschämter Rübling (Gymnopus impudicus)

Diese Pilzart ist nicht allzu häufig – ich kannte sie bisher immer nur von relativ spärlichen Funden, meist schon deutlich angetrocknet, in der Regel aus mehr oder weniger mageren Standorten über Kalkboden (z.B. Halbtrockenrasen, auch unter Gras).

Als ich am 10. Mai dieses Jahres auf einem Grundstück, das meinem Bruder gehört, beim Gartenarbeiten half (es ging vor allem um das Entfernen zu wild gewucherten Buschwerks), fand ich erstmals in meinem Leben eine vollkommen frische und auch ziemlich reichliche Kollektion dieser Pilzart. Ich muss zugeben, dass der erste Fruchtkörper mich zuerst an den Fleischrosa Schönkopf (Calocybe bzw. Rugosomyces carnea) denken ließ, mit dem er die feuchte Farbe fast gemeinsam hat. Die weiteren Fruchtkörper und die Unterseite ließen dann aber bald an einen Rübling (Gattung Gymnopus, früher Collybia) denken, und dann kam der feucht nicht sehr deutliche Kohlgeruch (mit Knoblauchkomponente – beim Trocknen wird der Geruch dann viel stärker).

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Unverschämter Rübling (Gymnopus impudicus) im Remstal ö. Stuttgart ((Lorch-Waldhausen), fot. L. Krieglsteiner

Der Geschmack war vollkommen mild, etwas nussig, im Abgang dann auch kohlig-knoblauchartig. Die Bestimmung verlief gar nicht so klar und eindeutig, wie es vielleicht erscheinen mag. Gerade der Schlüssel bei Noordeloos überzeugt überhaupt nicht. Beim Schlüsselpaar 8 auf S. 163 muss man sich entscheiden zwischen Farben mit Rosatönen bis zum rötlichen Braun und deutlich gedrängten Lamellen (das würde ich für meine Aufsammlung komplett unterschreiben) oder ziemlich bis sehr entfernten Lamellen in Kombination mit deutlich dunkleren Hüten. Das trifft für meine Kollektion nicht zu. Nun – wie auch immer – G. hariolorum („Kohliger Rübling“ - häufige, mir gut bekannte Art) und G. alpicola kamen wirklich nicht in Betracht, so musste ich wohl oder übel Weg 2 gehen.

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Gymnopus impudicus aus dem Remstal - "Studio"-Aufnahme auf Balkon zeigt hygrophane Hüte

Landet man dann beim Paar G. impudicus und G. dysosmus (der bei Noordeloos auf dem Bild eher noch meiner Kollektion ähnelt), dann stößt man sich an den sehr großen Sporenangaben, die sich mit meinen kaum überschneiden (ich maß Sporen von (5)5,5-6,5/2,8-3,5 µm) und man kommt zum Schluss, dass die gefundene Art nicht im Buch enthalten ist, vor allem, wenn man vergleicht und das Bild von G. impudicus (G. dysosmus hat noch größere Sporen) nicht recht zur Kollektion passen will. Aber gottseidank gibt es noch andere Literatur … Das Nachschauen im Pilzkompendium bei E. Ludwig brachte zwar immer noch nicht so ganz hundertprozentige makroskopische Übereinstimmung, aber schon deutlich mehr Ähnlichkeit, und vor allem – die Sporenmaße sind bei Ludwig wundersam kleiner als bei Noordeloos. Immer noch etwas groß, aber doch so, dass meine Maße sich gut in den unteren Rahmen bei Ludwig einfügen. Die Recherche im Internet brachte letztliche Klarheit. Beim Googeln mit „Gymnopus impudicus Foto“ fand ich neben einigen eindeutig falschen Benennungen auch seriöse, die sehr gut mit meinem Fund harmonieren. Frische und durchfeuchtete Exemplare zeigen nur hannoverpilze.de und bei damyko.org findet man gut passende angetrocknete Pilze. Wie jeder gut hygrophane Pilz macht es hier auch einen großen Unterschied, ob man frisch durchfeuchtete oder ausgetrocknete Fruchtkörper ansieht.

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Unverschämter Rübling (Gymnopus impudicus) - Detailaufnahme der Stielspitze (Remstal ö. Stuttgart)

Dummerweise unterließ ich es, nach einem möglicherweise vorhandenen Sklerotium zu graben. Noordeloos und Ludwig diskutieren beide (mit allerdings unterschiedlichem Ergebnis), ob der selten bezeugte Gymnopus graveolens (mit Sklerotium) nicht identisch sei. So kann ich dazu im Moment nichts beitragen – nur hoffen, an der gleichen Stelle einmal wieder fündig zu werden.

 Nochmals zum Fundort unweit Waldhausen im Remstal zwischen Schwäbisch Gmünd und Schorndorf: es handelt sich um einen relativ steilen Südhang über basenreichem Boden (Kalkanteile). Oberhalb liegt Wald, und so ist der einem Obstgarten vergleichbare Bestand nicht allzu nährstoffreich, was am örtlichen Vorkommen des Weißen Waldvögeleins (Orchidee Cephalanthera damasonium) und des Tausendgüldenkrautes (Centaurium umbellatum) erkannt werden kann.

 Ich plane, auf diesem Grundstück in diesem Herbst ein paar Trüffelbäumchen zu pflanzen – weniger, um in den Trüffelhandel einzusteigen (*g*), sondern, um bei künftigen Trüffelkursen einen interessanten Exkursionsort zu haben. Vermutlich gibt es dort aber ohnehin schon Sommertrüffeln, denn es gibt einige Haseln und auch eine größere Eiche auf dem Terrain.

 Es bleibt also spannend mit der Mykologie – und ich hatte die Möglichkeit, den Unverschämten Rübling einmal ausgiebig kennen zu lernen.


Pilz des Monats Juli 2013:

Buchen-Wurzelbecherling (Sowerbyella fagicola)

Der Buchen-Wurzelbecherling ist mir in meiner Studentenzeit einmal begegnet - jetzt schaue ich doch nach, es war genau am 7. September 1988, damals fand ich einen Fruchtkörper "tief im Buchenlaub" des NSG Bannwald "Tiefental" unweit Schelklingen (sw. Ulm) auf der Schwäbischen Alb. Seither hatte ich die Art - bis vor Kurzem - nie wieder gefunden. Ich kann mich nur noch dunkel an die genauen Fundumstände erinnern - ich weiß noch, dass es eine Buchenlaub-Anwehung war, wie man sie vor allem in Tälchenlagen an Wegrändern innerhalb von Buchenwäldern antrifft. An Begleitpilze erinnere ich mich nicht mehr. Die Bestimmung übernahm damals Jürgen Häffner, der bekannte Operculaten-Spezialist.

Dieses Jahr war ich Anfang Juni zwei Wochen in Kroatien unterwegs. Jedesmal gibt es eine Menge Eindrücke - pflanzlich, tierisch und auch pilzlich. Diesmal gab es relativ wenig Pilze, das Ganze war noch sehr frühjahrshaft, so fand ich u.a. am 4. Juni noch eine durchaus ansehnliche Gruppe von Speisemorcheln. Der mit Abstand häufigste Pilz auf der diesjährigen Tour war der Kohlige Rübling (Gymnopus hariolorum), auf den ich nachher noch einmal zurück komme. Jetzt aber erst einmal Bilder von Sowerbyella fagicola

Sowerbyella-fagicola-1-Buchenlaub-Wurzelbecherling-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen
Sowerbyella-fagicola-2-Buchenlaub-Wurzelbecherling-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen
Sowerbyella-fagicola-3-Buchenlaub-Wurzelbecherling-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen
Sowerbyella-fagicola-4-Buchenlaub-Wurzelbecherling-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen

Buchen-Wurzelbecherling (Sowerbyella fagicola) an verschiedenen Stellen im Nationalpark Plitvicer Seen in Kroatien -

stets  über Karstkalk im Buchenlaub - leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Der erste Fund von Sowerbyella fagicola gelang, weil ich anhielt und mich bückte, um ein Foto von Gymnopus hariolorum (Kohliger Rübling) zu machen. Da letzterer der einzige wirklich häufige Pilz war, hatte ich beschlossen, ihn immer wieder zu fotographieren. Ich weiß nicht, bei der wievielten Aufsammlung es war, dass zum ersten Mal orangefarbene Becherlinge im Buchenlaub aufleuchteten.

Nun ja, die obigen Bilder verraten es eigentlich schon - ich fand den Buchen-Wurzelbecherling nicht nur einmal, sondern an 4 doch deutlich voneinander entfernten Stellen. Genau genommen an 8 Stellen, denn der 4. Fundplatz war ausladend und bestand aus ingesamt 5 einzelnen Klein-Stellen, die aber jeweils nur wenige m auseinander lagen.

Bei allen 8 Fundstellen von Sowerbyella fagicola waren Fruchtkörper von Rüblingen in direkter Nähe - 7 mal Gymnopus hariolorum, 1 mal Gymnopus brassicolens, der "Stinkkohl-Rübling". Beide Arten riechen kohlig und sind typische Laub-Saprobionten. 

Sowerbyella-fagicola-Gymnopus-hariolorum-2-Buchenlaub-Wurzelbecherling-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen-Kohliger-Rübling
Sowerbyella-fagicola-Gymnopus-hariolorum-Kohliger-Rübling-Buchenlaub-Wurzelbecherling-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen

Sowerbyella fagicola (Buchen-Wurzelbecherling) neben Gymnopus hariolorum (Kohliger Rübling) - Nationalpark Plitvicka jezera

in Kroatien, leg., det., fot. Lothar Krieglsteiner

as mag Zufall sein - oder auch nicht. Gymnopus hariolorum wurde in den 2 Wochen  Ende Mai/Anfang Juni vielleicht an 100 Stellen angetroffen, und längst nicht überall gab es auch Becherlinge. Es sollte aber auf jeden Fall verfolgt werden, ob auch weitere Funde von Sowerbyella fagicola in direkter Nachbarschaft zu Rüblingen erfolgen.


Pilz des Monats Juni 2013:

Raupen-Kernkeule (Ophiocordyceps gracilis)

Die Raupen-Kernkeule ist durch ihre orangebraunen Köpfchen und die relativ blassen, holzfarbenen Stiele sofort erkennbar. Die Art gilt allgemein als sehr selten – nur relativ wenige Pilzkenner haben sie schon gefunden. Meine Erfahrung ist allerdings die, dass die Art vor allem an Standorten wächst, die wenig von Mykologen abgesucht werden. Dies sind wärmebegünstigte Grasländer, Säume und Gebüsche, wo die Art meist tief unter Gras fruktifiziert und somit von oben beim Spazierengehen kaum gesehen werden kann (ein Schicksal, das die Art mit sehr vielen Pilzen gemeinsam hat). Nach meiner Erfahrung (ich fand die Art mehrfach in Mainfranken sowie im Bereich des Remstales und der nördlichen Schwäbischen Alb unweit Schwäbisch Gmünd) ist die Raupen-Kernkeule wärmeliebend und vor allem in Kalkgebieten verbreitet. Andreas Gminder (mündliche Mitteilungen und Beitrag im DGfM-Forum) findet die Art bei Jena häufiger und bezeichnet sie als häufigste Kernkeule, sofern man nicht in sauren Nadelwaldgegenden zuhause ist. In meiner Ecke (Raum Schwäbisch Gmünd) sind allerdings Kernkeulen an Hirschtrüffeln (s.u.) weitaus häufiger. Dazu vielleicht einmal ein späterer Pilz des Monats.

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Cordyceps-gracilis-Ophiocordyceps-Waldhausen-Remstal-Stuttgart-Baden-Württemberg-Schwäbischer-Wald
Cordyceps-gracilis-Raupen-Kernkeule-Remstal-Baden-Württemberg

Raupen-Kernkeule (Ophiocordyceps gracilis) im Remstal ö. Stuttgart - die Pilze wachsen

auf alten Schmetterlings-Raupen (Eulenfalter), die im Boden vergraben sind -

alle Fotos L. Krieglsteiner

Der aktuellen Darstellung liegt ein Fund vom 10. Mai zugrunde – unweit Waldhausen und Plüderhausen im Remstal zwischen Schwäbisch Gmünd und Schorndorf. Innerhalb etwa einer halben Stunde fand ich auf einigen Quadratmetern 6 Fruchtkörper, und das, obwohl ich durchaus auch andere Pilze suchte und fand. Man kann also davon ausgehen, dass in dem weitläufigen Gebiet mit immer wieder recht vergleichbarer Vegetation (und Schmetterlingspopulation) Hunderte von Keulchen herumstanden. An einer Stelle fand ich sogar zwei Kernkeulen, von denen sich dann herausstellte, dass sie auf einer befallenen Raupe entsprangen.

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Raupen-Kernkeule (Ophiocordyceps gracilis) - unterirdische Teile auf Raupen von Eulen-Faltern (Nacht-Schmetterlinge)  Foto Lothar Krieglsteiner

Ich machte also Fotos und grub auch einige der Pilze aus, um Fotos der befallenen Raupen zu machen. Ich schrieb einen kleinen Beitrag für www.nafoku.de/forum (Beitrag 124 vom Mai 2013), um Meinungen über die Zugehörigkeit der Raupen zu bekommen. Nach Klaus Rennwald handelt es sich um Raupen von Eulenfaltern (Nachtschmetterlingen) – natürlich ist eine Artbestimmung nicht möglich. Es wäre interessant, das Wirtsspektrum dieser Kernkeulen zu erforschen – meines Wissens nach ist dies bisher nicht geschehen.  

Kernkeulen auf Raupen – da klingelt es bei manchem. In Tibet gibt es einen gigantischen Boom wegen der (angeblichen) Heil- und Potenzwirkung der dortigen Raupen-Kernkeulen (Ophiocordyceps sinensis – vgl. http://mushroaming.com/oldsite/tibetischer_raupenpilz_cordyceps_sinensis.htm).

Man kann nur hoffen, dass der Europäer nicht auf ähnliche Gedanken kommt. Denn dann würde es sich finanziell lohnen, wenn Tausende durch südexponierte Gebüsche, Wiesen, Säume und Obstgärten wühlen würden. Apropos: lukrative Angebote bezüglich meiner 6 Fruchtkörper nehme ich gerne entgegen J *fg“ - meine älteren Aufsammlungen sind leider schon in öffentlichen Herbarien (Stuttgart und Karlsruhe) deponiert und somit nicht mehr marktfähig *g*.

In Mitteleuropa gibt es nur relativ wenige Kernkeulen-Arten, in den Tropen oder auch in Japan ist die Vielfalt viel größer. Aber auch bei uns wachsen neben O. gracilis z.B. Arten auf Schmetterlingspuppen (Puppen-Kernkeule Cordyceps militaris), Laufkäfer-Raupen (Laufkäfer-Kernkeule Ophiocordyceps entomorrhiza) sowie Imagines von Wespen (Wespen-Kernkeule Ophiocordyceps sphecocephala), Ameisen (Ameisen-Kernkeule Ophiocordyceps myrmecophila) oder Fliegen (Fliegen-Kernkeule Ophiocordyceps forquignoni) – abgesehen von den mehreren auf Hirschtrüffeln vorkommenden Kernkeulen der Gattung Elaphocordyceps (am häufigsten die Zungen-Kernkeule Elaphocoryceps ophioglossoides – dann die verschiedenen Kopfigen Kernkeulen, die nur mikroskopisch getrennt werden können, so E. canadensis und E. capitata, und Roux Kernkeule E. rouxii).

Biologisch gesehen sind Kernkeulen Sammelfruchtkörper. An den Bildern ist ja eine oberflächliche Punktierung des Köpfchens der Pilze erkennbar. Dies kommt durch die eingesenkten Kugelpilz-Fruchtkörper (Perithezien) zustande. Ganz ähnlich ist der Aufbau z.B. auch bei Holzkeulen oder (ohne Stiel) bei Kohlenbeeren, die ebenfalls zu den Schlauchpilzen gehören.


Pilz des Monats Mai 2013:

Ochsenröhrling (Boletus torosus - neuerdings (2015) Imperator torosus)

Es wird Mai – und damit beginnt auch die Zeit der Röhrlinge. Vermutlich nicht unbedingt und erst recht nicht für jeden mit dem Ochsenröhrling – insofern wäre sicherlich der Flockenstielige Hexenröhrling (Boletus erythropus) ein eigentlich passenderer Pilz des Monats Mai. Ich möchte aber schon ab und zu auch seltenere Pilze zeigen, und so fiel meine Wahl auf den Ochsenröhrling.

Ein Pilz, den ich nur zweimal in meinem Leben sah, und beide Funde stelle ich hier vor. Die jungen Fruchtkörper wurden Mitte Juli 2009 im Wienerwald gefunden, in einem Mischwald mit Buchen und Tannen. Wie mir mitgeteilt wurde, war dies auch für diese Region ein ganz bemerkenswerter Fund, der dort keineswegs sehr regelmäßig auftaucht. Kurz danach zeigte mir Hans Valda (Wiener Neustadt) einen Standort, wo der Ochsenröhrling zusammen mit dem Weinroten Purpurröhrling (Boletus rubrosanguineus) vorkommt – letzteren sahen wir auch, während der Ochsenröhrling fehlte. So weit so gut.

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Ochsenröhrling (Boletus torosus) - junge Exemplare aus dem Wienerwald (Österreich)

Ein Jahr später – es war das legendäre Pilzjahr 2010 – beging ich wie fast jedes Jahr mehrmals meinen Hauswald nördlich von Schwäbisch Gmünd, den ich von meiner Kindheit an kenne und den auch mein Vater und mit ihm etliche Mykologen regelmäßig begingen – man kann sagen, der Wald ist seit etwa 1970 regelmäßig und teils intensiv begangen worden. Man sollte meinen, dass dort die meisten Pilzarten, gerade solche mit großen Fruchtkörpern, bekannt sein müssten. Nun ja – weit gefehlt. Die erste große Überraschung am 19. August: an einer eigentlich immer begangenen Stelle wuchs ein Fruchtkörper von Boletus rubrosanguineus – dort noch nie gefunden! Und dann am 25. August, also eine Woche später, an einer wenig begangenen Stelle – Boletus torosus: 1 großer und ausgewachsener, schwerer Fruchtkörper, wie er im Buche steht. Typisch noch am Hutrand die grünlichen Farben, in der Hutmitte eher weinrot-bräunlich überfärbt. Dazu die knall-gelben Poren und das kräftige, an Hexenröhrlinge erinnernde Blauen.

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Ochsnröhrling (Boletus torosus - jetzt Imperator torosus) vom Erstfund 2010 bei Tanau - die coprinhaltige Art hat ein starkes Blauen am ganzen Fruchtkörper, der Pilz wirkt schwer in der Hand.

Seit 2010 sind die Pilze bisher gleich zweimal wieder aufgetaucht, nämlich 2012 und 2013 (Nachtrag am 15.1.2016).

Ach ja – bleibt noch zu erwähnen, dass der Ochsenröhrling Coprin enthält, also zusammen mit Alkohol zu einer Acetaldehyd-Vergiftung führen kann. Auch vom Netzstieligen Hexenröhrling (Boletus luridus) wurde das schon behauptet, diese Art enthält allerdings nachweislich kein Coprin und wird auch von den meisten Personen – mit oder ohne Alkohol – vertragen. Unverträglichkeits-Reaktionen gibt es natürlich bei allen Pilzen, auch bei (netz-, flocken- oder glattstieligen) Hexenröhrlingen.


Pilz des Monats April 2013:

Speisemorchel (Morchella esculenta)

Wenn nicht gerade ein Winter wie 2013 ist, der noch Ende März in weiten Regionen Deutschlands winter-weiße Schneelandschaften zaubert, dann kann man Anfang April durchaus schon mit einigem Pilzwachstum rechnen. Und was sollte Pilz des Monats April sein, wenn nicht die eigentümlichen und auch kulinarisch hochwertigen Speisemorcheln, mit denen in den meisten Regionen ab Mitte April zu rechnen ist. Dabei sind diese außer durch ihren von vielen als exquisit empfundenen Geschmack noch in vielerlei anderer Hinsicht interessant. So haben Morcheln eine sehr interessante Biologie, indem sie etwas vom Saprobionten (Leichenzehrer), aber auch vom Symbionten mit Bäumen in ihrem Lebenszyklus haben.

Es ist auch durchaus umstritten, wie viele Morchelarten es gibt. Während heute allgemein helle und dunkle, kleinere und größere Formen zu einer Art zusammengefasst werden (die beiden Bilder zeigen die typische Speisemorchel (Morchella esculenta ss.str. – 1. Bild, aus den Auen der Soca in Slowenien) sowie die Düstere Speisemorchel (Morchella esculenta var. umbrina – 2. Bild, aus Kroatien), wurden in den französischen Schule (Boudier, Jacquetant) zahlreiche Morchelarten unterschieden. Mikroskopische Unterschiede sind nicht greifbar – übrigens auch nicht zur ebenfalls wohlschmeckenden Spitzmorchel (Morchella elata = conica), die laut molekularbiologischer Befunde nicht so nah mit der Speisemorchel verwandt ist und die man oft in großen Mengen auf Rindenmulch antrifft.

Morchella-esculenta-Slowenien-Speise-Morchel-Schlauchpilz-Seminar-Pilzschule
 Morchella-esculenta-umbrina-spongiola-Speise-Morchel-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen-Speisepilz-Sammelart-Form
Speisemorcheln (Morchella esculenta s.l.) können sehr unterschiedlich aussehen und vermutlich ist der hervorragende Speisepilz des Frühjahrs immer noch eine Sammelart. Das obere Bild zeigt eine relativ typische Form, die bald ockergelb verblasst und "rotunda" genannt werden könnte (Aufnahme aus den Soca-Auen in Slowenien), während das untere Bild eine auch reif noch dunkle, recht kleine Form zeigt - man kann sie als "var. umbrina" oder auch als Morchella spongiola zu bestimmen versuchen (Aufnahme aus dem Nationalpark Plitvicer Seen in Kroatien). Beim oberen Bild waren Eschen in der Nähe, beim unteren nicht (Bergahorn, Buche, Tanne)

Morcheln zu finden ist aber meist nicht so einfach. Zum einen sollte man einiges über ihre Biologie und ihre Standortansprüche kennen. Zum anderen kann es einem passieren, dass man in einem Waldstück einige Morcheln zertritt, ohne auch nur eine einzige zu sehen, denn ihre Fruchtkörper sind oft sehr unauffällig – man könnte meinen, dass sie sich gezielt verstecken, um nicht von Menschen gefressen zu werden. Es ist also nötig, den Blick zu schärfen und auf Morcheln zu fokussieren.

Morcheln gehören wie gesagt zu den besonders leckeren Pilzarten, sie besitzen ein ausgeprägtes Eigenaroma. Wer Morcheln sammelt, sollte aber nicht zu alte Fruchtkörper nehmen und die Pilze vor dem Zubereiten durchschneiden – oft ist Schmutz im Inneren der hohlen Fruchtkörper zu finden. Und ich will nicht schließen, ohne auf eine, wenn auch offenbar sehr seltene, Form der Vergiftung hinzuweisen, die offenbar von älteren Morchel-Fruchtkörpern ausgehen kann: http://www.marn.at/giftpilze/morchella-syndrom.html             - ich selber habe auch schon ältere Morcheln verspeist und festgestellt, dass ihr Aroma nicht mehr viel taugt, aber keine Probleme deswegen bekommen. Und dann noch der Hinweis für die Nicht-Fortgeschrittenen Pilzkundler: immer wieder passieren Verwechslungen mit der zumindest ungegart tödlich giftig wirkenden Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta). Es hat sich im Übrigen herausgestellt, dass die Gyromitra-Arten näher mit den Morcheln verwandt sind als mit dem Rest der Lorcheln (z.B. Herbslorchel Helvella crispa).

Wer etwas über die spannende Biologie und Ökologie der Morcheln, aber auch über alle möglichen anderen Frühlingspilze lernen will, der kann eines meiner Frühlingspilz-Seminare (Angebot unter Seminarprogramm) besuchen. Ich freue mich sehr über Anmeldungen.

P.S. Nach drei Pilzen des Monats aus dem Bereich Schlauchpilze verspreche ich: Pilz des Monats Mai wird ein ganz "normaler" Hutpilz mit Hut und Stiel - welcher, weiß ich noch nicht :-)


Pilz des Monats März 2013:

Gestielter Schwarzborstling oder Weißtannen-Schwarzborstling (Pseudoplectania vogesiaca bzw. P. melaena)

Dies ist ein Pilz, der in unseren Regionen auch vorkommt, er ist dort ein typischer Bewohner tief eingeschnittener Bachschluchten, wo lange genug einiger Schnee liegen bleibt. Als montanes Element ist die Art im Schwäbisch-Fränkischen Wald, speziell im Welzheimer Wald n. Schwäbisch Gmünd an der Untergrenze, was die Meereshöhen betrifft und steigt dort bis auf ca. 300 m Meereshöhe hinab. Aus den Vogesen beschrieben, ist die Art auch im Schwarzwald und den Alpen und selten auch im Bayerischen Wald bekannt, wo die Art im Frühjahr zur Zeit der Schneeschmelze an dicken liegenden Tannenstämmen, gerade eben an luftfeuchtem Standort, zuhause ist.

Pseudoplectania-vogesiaca-Gestielter-Schwarzborstling-Kroatien-Plitvice-Abies-Tanne-Becherling-Schlauchpilz-Kurs-Alpen-Schneeschmelze
 

 Die Aufnahme zeigt aber keine Pilze aus Deutschland, sondern aus Kroatien, wo die Art (wie auch andere Tannenpilze) erstaunlich häufig ist – auch entlang der Bäche, aber genauso in ganz normalen, nicht exponierten Wäldern. Dies liegt sicherlich daran, dass dort viel mehr Schnee liegt und auch länger braucht, um abzutauen. Die Aufnahme zeigt die Art nur von oben – die Fruchtkörper sind aber ins Substrat hinein stielartig verlängert, was den deutschen Artnamen ausmacht. Mikroskopisch ist die ganze Gattung durch runde, glatte Sporen und durch dunkel pigmentierte (bei Schlauchpilzen liegt das Pigment sehr häufig dort) Paraphysen gekennzeichnet. Die Gattung wird zu den Sarcoscyphaceae gestellt, das sind operculate Becherlinge mit festfleischigem Exzipulum (Fruchtkörper-Hülle) aus dicht verwobenen, langen Hyphen (textura intricata).

Interessant sind auch die Inhaltsstoffe. Bei der nahe verwandten Art P. nigrella wurde Plectasin gefunden, eine antibiotisch wirksame Substanz – vielleicht einmal ein Antibiotikum der Zukunft.


Pilz des Monats Februar 2013:

Blauer Lebermoosbecherling (Mniaecia jungermanniae)

Dieser kleine blaue Becherling wird normalerweise kaum von Pilzfreunden gefunden, obwohl seine Farbe sehr spektakulär ist. Hinderungsgründe sind erstens die Kleinheit des Pilzes, der trotz seiner Färbung auf den grünen Rasen folioser Lebermoose meist der Gattung Calypogeia, die er (wie auch andere foliose Lebermoose) befällt und offenbar kaum schädigt, kaum auffällt – zum anderen das Wachstum in ungünstiger Saison, d.h. mitten im Winter bzw. noch am Ende des Winters im zeitigen Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt.

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im Februar/März meist leicht zu finden und deshalb oft beim Mooskurs in Pilzschule Schwäbischer Wald gefunden: Blauer Lebermoos-Becherling (Mniaecia jungermannia)

Es handelt sich um eine Art, die deshalb immer wieder bei meinen Mooskursen (jetzt bald wieder! - siehe Seminarprogramm!) gefunden und von allen Teilnehmern mit etwas Sinn für die Schönheit der Natur (und das sind bei solchen Kursen eigentlich alle) auch bewundert wird. Am Besten zur Geltung kommt die Art, wenn die befallenen Lebermoosrasen mithilfe einer Digital-Lupe untersucht werden und die auf dem Bildschirm zu sehenden Bilder mithilfe eines Beamers für alle Kursteilnehmer übertragen werden. Dann geht bei diesen Kleinoden immer ein staunendes Raunen durch das Publikum :-)

Wenn man die geeigneten Lebermoose kennt, kann man diesen hübschen Becherling im Winter vielerorts finden, vor allem in Mittelgebirgslagen, an Waldweg-Böschungen und vor allem an feuchten Bachkanten auf +- sauren Böden.

Mniaecia führt offenbar bei den befallenen Moosen dazu, dass die Perichaetien übermäßig groß werden und besonders viele Archegonien enthalten, die Sporogone mit Sporen ohne geschlechtliche Vorgänge bilden (Parthenogenese – vgl. http://www.ingentaconnect.com/content/nrc/cjb/2006/00000084/00000003/art00005).

Im Index of Fungi wird die Art in der Familie Helotiaceae unter den inoperculaten Becherlingen geführt. Die Systematik dieser Gruppen ist jedoch stark im Umbruch.


Pilz des Monats Januar 2013

Schleier-Zwergknäueling (Tectella patellaris, = Panellus patellaris)

Der Schleier-Zwergknäueling ist wie so mancher Holzbewohner eine ganzjährig wachsende Art. In manchen Regionen wächst sie im Sommer (s.u.), in der Regel wird sie jedoch im feuchteren Spätherbst und im Winter gefunden. Insofern ist die Art ein durchaus repräsentativer „Pilz des Monats“.

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Schleier-Knäueling Tectella patellaris im Bannwald Schlierbach bei Heilbronn (Baden-Württemberg)

Meist findet man als deutschen Namen „Schleierseitling“, aber mit Seitlingen dürften hier keine näheren Beziehungen bestehen (ob zu Zwergknäuelingen, ist ebenfalls unsicher). Jedenfalls stelle ich mir unter Schleier-Seitling eher Pleurotus calyptratus vor.

Tectella patellaris ist eine Art, die ich viele Jahre nie zu Gesicht bekam – und dann erstmals im Sommer 2006 in den rumänischen Karpaten fand (an Hasel). Im darauf folgenden Frühjahr (Februar 2007) fand ich die Art erstmals in Deutschland, nämlich in der Rhön (an Hasel und Erle, vgl. Krieglsteiner 2007). Ich hielt die Art immer (auch in Übereinstimmung mit den meisten Literaturangaben) für wärmeliebend.

Danach war wieder Pause – bis 2012. In diesem Jahr gelangen mir gleich 3 Funde kurz nacheinander, alle im Rahmen von Kartierungs-Aufträgen – und die ersten beiden widersprechen dem bisherigen ökologischen Befund. Funde in Hochlagen des Bayerischen Waldes (knapp 1100 m NN, „Schachtenhausriegel“, 3.10.12) und des Vogelsberges („Taufstein“, ca. 750 m NN, 6.10.12) gelangen an liegenden Buchenästen in montan getönten, sauren Buchenwäldern. Kurz danach gelang wieder ein „normaler“ Fund, in wärmeliebender Bachaue an Hasel, reichlich fruchtend (Bannwald Schlierbach bei Bad Rappenau, Baden-Württemberg, 15.10.12 – daher stammt auch das Foto).

Ist Tectella patellaris in Ausbreitung begriffen? Möglicherweise. Sicher wird die Art wegen ihres Schwerpunktes in der Wintersaison auch oft übersehen. Es fällt aber schon auf, dass die Art jetzt doch viel häufiger gefunden wird. Beobachten wir weiter ….


Pilz des Monats Dezember 2012:

Graublasser Milchling (Lactarius albocarneus, = L. glutinopallens)

Diese an Weißtanne gebundene Art gilt als ziemlich selten. Sie schmeckt wie viele andere weiß milchende Milchlinge deutlich scharf und ist somit unvorbehandelt als ungenießbar bzw. als magen-darm-giftig zu bezeichnen. Bekanntermaßen lässt sich die Schärfe der Sprödblättler durch wiederholtes Abkochen und Wegschütten des Kochwassers oder auch durch Silieren entfernen und die Pilze werden auf diese Weise genießbar gemacht. In Mitteleuropa gibt es – ganz im Gegensatz zu Ost- und Nordeuropa (Russland, Schweden etc.) hierfür keine Tradition.

Anfang Oktober 2012 gab es im Schwäbischen Wald eine wahre Pilzschwemme. In manchen Wäldern konnte man wirklich kaum gehen, ohne Pilzfruchtkörper zu zertreten. Besonders üppig waren die Mykorrhizapilze der Weißtanne am Fruchten. Unter anderem eben auch der hier abgebildete und vorgestellte Graublasse Milchling. 

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Lactarius albocarneus (= Lactarius glutinopallens auct.) - Graublasser Milchling - ungenießbar (sehr scharf)

Aufnahmedaten:  5.10.2012, Baden-Württemberg ö. Stuttgart, Schwäbischer Wald n. Schwäbisch Gmünd, „Hafental“ bei Hintersteinenberg (zwischen Alfdorf und Spraitbach), in Mittelgebirgs-Fichten-Tannen-Buchen-Mischwald auf basenreichem Boden (Knollenmergel), in Massen fruchtend an vielen Stellen

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