Beitragsseiten

Pilz des Monats August 2013:

Unverschämter Rübling (Gymnopus impudicus)

Diese Pilzart ist nicht allzu häufig – ich kannte sie bisher immer nur von relativ spärlichen Funden, meist schon deutlich angetrocknet, in der Regel aus mehr oder weniger mageren Standorten über Kalkboden (z.B. Halbtrockenrasen, auch unter Gras).

Als ich am 10. Mai dieses Jahres auf einem Grundstück, das meinem Bruder gehört, beim Gartenarbeiten half (es ging vor allem um das Entfernen zu wild gewucherten Buschwerks), fand ich erstmals in meinem Leben eine vollkommen frische und auch ziemlich reichliche Kollektion dieser Pilzart. Ich muss zugeben, dass der erste Fruchtkörper mich zuerst an den Fleischrosa Schönkopf (Calocybe bzw. Rugosomyces carnea) denken ließ, mit dem er die feuchte Farbe fast gemeinsam hat. Die weiteren Fruchtkörper und die Unterseite ließen dann aber bald an einen Rübling (Gattung Gymnopus, früher Collybia) denken, und dann kam der feucht nicht sehr deutliche Kohlgeruch (mit Knoblauchkomponente – beim Trocknen wird der Geruch dann viel stärker).

Gymnopus-impudicus-Stinkender-Rübling-Collybia-impudica-Remstal-Stuttgart
Unverschämter Rübling (Gymnopus impudicus) im Remstal ö. Stuttgart ((Lorch-Waldhausen), fot. L. Krieglsteiner

Der Geschmack war vollkommen mild, etwas nussig, im Abgang dann auch kohlig-knoblauchartig. Die Bestimmung verlief gar nicht so klar und eindeutig, wie es vielleicht erscheinen mag. Gerade der Schlüssel bei Noordeloos überzeugt überhaupt nicht. Beim Schlüsselpaar 8 auf S. 163 muss man sich entscheiden zwischen Farben mit Rosatönen bis zum rötlichen Braun und deutlich gedrängten Lamellen (das würde ich für meine Aufsammlung komplett unterschreiben) oder ziemlich bis sehr entfernten Lamellen in Kombination mit deutlich dunkleren Hüten. Das trifft für meine Kollektion nicht zu. Nun – wie auch immer – G. hariolorum („Kohliger Rübling“ - häufige, mir gut bekannte Art) und G. alpicola kamen wirklich nicht in Betracht, so musste ich wohl oder übel Weg 2 gehen.

Gymnopus-impudicus-hygrophan-Stinkender-Rübling-Collybia-impudica-Remstal-Stuttgart
Gymnopus impudicus aus dem Remstal - "Studio"-Aufnahme auf Balkon zeigt hygrophane Hüte

Landet man dann beim Paar G. impudicus und G. dysosmus (der bei Noordeloos auf dem Bild eher noch meiner Kollektion ähnelt), dann stößt man sich an den sehr großen Sporenangaben, die sich mit meinen kaum überschneiden (ich maß Sporen von (5)5,5-6,5/2,8-3,5 µm) und man kommt zum Schluss, dass die gefundene Art nicht im Buch enthalten ist, vor allem, wenn man vergleicht und das Bild von G. impudicus (G. dysosmus hat noch größere Sporen) nicht recht zur Kollektion passen will. Aber gottseidank gibt es noch andere Literatur … Das Nachschauen im Pilzkompendium bei E. Ludwig brachte zwar immer noch nicht so ganz hundertprozentige makroskopische Übereinstimmung, aber schon deutlich mehr Ähnlichkeit, und vor allem – die Sporenmaße sind bei Ludwig wundersam kleiner als bei Noordeloos. Immer noch etwas groß, aber doch so, dass meine Maße sich gut in den unteren Rahmen bei Ludwig einfügen. Die Recherche im Internet brachte letztliche Klarheit. Beim Googeln mit „Gymnopus impudicus Foto“ fand ich neben einigen eindeutig falschen Benennungen auch seriöse, die sehr gut mit meinem Fund harmonieren. Frische und durchfeuchtete Exemplare zeigen nur hannoverpilze.de und bei damyko.org findet man gut passende angetrocknete Pilze. Wie jeder gut hygrophane Pilz macht es hier auch einen großen Unterschied, ob man frisch durchfeuchtete oder ausgetrocknete Fruchtkörper ansieht.

Gymnopus-impudicus-Stielspitze-Stinkender-Rübling-Collybia-impudica-Remstal-Stuttgartspitze
Unverschämter Rübling (Gymnopus impudicus) - Detailaufnahme der Stielspitze (Remstal ö. Stuttgart)

Dummerweise unterließ ich es, nach einem möglicherweise vorhandenen Sklerotium zu graben. Noordeloos und Ludwig diskutieren beide (mit allerdings unterschiedlichem Ergebnis), ob der selten bezeugte Gymnopus graveolens (mit Sklerotium) nicht identisch sei. So kann ich dazu im Moment nichts beitragen – nur hoffen, an der gleichen Stelle einmal wieder fündig zu werden.

 Nochmals zum Fundort unweit Waldhausen im Remstal zwischen Schwäbisch Gmünd und Schorndorf: es handelt sich um einen relativ steilen Südhang über basenreichem Boden (Kalkanteile). Oberhalb liegt Wald, und so ist der einem Obstgarten vergleichbare Bestand nicht allzu nährstoffreich, was am örtlichen Vorkommen des Weißen Waldvögeleins (Orchidee Cephalanthera damasonium) und des Tausendgüldenkrautes (Centaurium umbellatum) erkannt werden kann.

 Ich plane, auf diesem Grundstück in diesem Herbst ein paar Trüffelbäumchen zu pflanzen – weniger, um in den Trüffelhandel einzusteigen (*g*), sondern, um bei künftigen Trüffelkursen einen interessanten Exkursionsort zu haben. Vermutlich gibt es dort aber ohnehin schon Sommertrüffeln, denn es gibt einige Haseln und auch eine größere Eiche auf dem Terrain.

 Es bleibt also spannend mit der Mykologie – und ich hatte die Möglichkeit, den Unverschämten Rübling einmal ausgiebig kennen zu lernen.

Zum Seitenanfang