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Pilz des Monats März 2016: Walters Haarzunge (Trichoglossum walteri)

Der Namen dieses Pilzes ist schon seit einiger Zeit in Deutschland eng mit meinem Namen verbunden – noch nicht so sehr, als ich die Art die ersten Male fand, was um die Jahrtausendwende in Nordrhein-Westfalen und Hessen der Fall war, als ich nach meiner Promotion eine Weile als „Leiter“ des Pilzmuseums in Bad Laasphe (Nordhein-Westfalen) tätig war. Damals fand ich die Art beim „Graben“ in nährstoffarmen, sauren Wiesen – kurze Zeit, nachdem auf einer Tagung bei Bad Laasphe Trichoglossum walteri gefunden wurde. Einige Jahre später entdeckte ich die Art dann bei einer Auftragskartierung in einer städtischen Grünlandparzelle in Deggendorf (Bayern), die bebaut werden sollte. Es sollte aber vorher nach gefährdeten Wiesenpilzen geschaut werden, in Bezug auf deren Vorkommen in potenziellen Baugebieten die Stadt Deggendorf schon ein „gebranntes Kind“ gewesen ist. Schließlich führten überregional bedeutsame Vorkommen von Saftlingsgesellschaften im ehemaligen Übungsplatz „Himmelreich“ zur Ausweisung eines (verkleinerten) NSG, ein Novum in der Geschichte (Näheres hierzu vgl. …. Andrias …).

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Walters Haarzunge Trichoglossum walteri - Fotos aus dem Baugebiet "Kreut" in Deggendorf

(Foto L. Krieglsteiner) - Pilze als Politikum bei Bauvorhaben

Als ich bei dieser Untersuchung Trichoglossum walteri fand, war dies der Erstnachweis für Bayern. Diese Tatsache brachte eine gewisse Lawine ins Laufen, die eine Reihe von Folgeaufträgen für mich in Deggendorf nach sich zog, anhand derer sich herausstellte, dass Walters Haarzunge in Bayern viel weiter verbreitet ist. Insgesamt mehr als 20 Nachweise gelangen in sauren, zumindest mäßig nährstoffarmen Grasflächen im Bayerischen Wald nahe und weiter weg von Deggendorf, dazu im Biosphärenreservat Rhön. Am 25. September 2014 konnte ich dann bei einer „privaten“ Exkursion im Steigerwald erstmals Walters Haarzunge nachweisen. Das Besondere an diesem Nachweis, den ich heute vorstelle, ist die Tatsache, dass es der erste Waldstandort ist, der zumindest in Europa bisher publiziert zu sein scheint (?). Zumindest sind „an meine Ohren“ noch keine anderen solchen Funde gedrungen. Nun – sensationell ist das Vorkommen von Walters Haarzunge im Wald nicht. Die meisten Vertreter der sogenannten Saftlings-Gesellschaften kommen in Wäldern (und Gebüschen) vor. Dies sind vor allem Arten einiger Gattungen von Lamellenpilzen (Saftlinge, Ellerlinge, Samtritterlinge, Samtellerlinge u.a.), mit diesen verwandter Keulen und Korallen der Gattungen Clavaria, Clavariopsis und Ramariopsis (Wiesenkeulen und Wiesenkorallen) sowie innerhalb der Schlauchpilze die überwiegend schwarz gefärbten Erdzungen –Keulen optisch ähnlich, aber mit diesen nicht verwandt. Was sind Saftlings-Gesellschaften, wovon leben sie? Man ahnt schon lange, dass sie weder Saprobionten noch Mykorrhizapilze sind. Nun, das ist noch nicht bis ins Letzte geklärt. Derzeit nimmt man an, dass viele Zugehörigen als Endobionten („Untermieter“) in grünen Pflanzen leben. Viel ist da allerdings noch zu erforschen und unklar ist auch, welche Begleiter diese Lebensweise teilen oder nicht auch Parasiten auf den Endobionten sein könnten (z.B. Arten der „Zärtlinge“: Entoloma Subg. Leptonia).                                                                                                                                                                         

Interessant ist auch der Fundort. Es handelt sich um ein Bachufer im nahen Umfeld des NSG „Brunnstube“ im Möchtegern-Nationalpark Steigerwald. Warum wähle ich dieses wenig schmeichelhafte Wort? Nun: sicher nicht, um die Förderer eines solchen Nationalparks zu beleidigen. Kaum, denn mit Ulla Reck, die an diesem Projekt an vorderer Stelle arbeitet, bin ich gut befreundet. Nein: es ist schon bizarr, welche Formen der „Widerstand“ gegen einen Nationalpark im Steigerwald annimmt, der leider vorerst als gescheitert aufzufassen ist. Auf der anderen Seite ist das Wuchsgebiet von Trichoglossum walteri zumindest derzeit nicht gefährdet. Außerdem ist die Frage, was ein Nationalpark Steigerwald in Bezug auf die Erhaltung von gefährdeten „Wiesenpilzen“ (die auch und gerade dort im Wald vorkommen) bringen würde. Immerhin hatte ich bei zweitägiger gezielter Suche im Steigerwald zu besten Bedinungen (kurz vorher Nachweise von T. walteri in der Rhön) keine Standorte von T. walteri (und auch sonst kaum von gefährdeten Wiesenpilzen) finden können, wie überhaupt im Steigerwald nur an einem Ort (bei … Burgebrach… dort T. hirsutum und T. cf. variabile). Der Grund ist naheliegend: nährstoffarm erhaltene Wiesenpartien sind im Steigerwald (wie leider vielerorts) sehr selten geworden – die Wiesen den Steigerwaldes sind großflächig überdüngt. Glücksfall ist dort aber immerhin, dass große, dichte Waldflächen im Inneren teils wenig Einträge abbekommen, vor allem, wenn sie im Geländeprofil höher liegen als die (gedüngten) Lichtungen. Ich plädiere hier ausdrücklich auf ein Umdenken – Natur- und Umweltschutz sowie Landwirtschaft sollten endlich eine vom Staat getriggerte Allianz eingehen. … Ich weiß, ich bin ein hoffnungsloser Fall, so etwas für möglich zu halten. Es ist zum Auswachsen.

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Walters Haarzunge Trichoglossum walteri: der erste bekannte Waldfund in Deutschland - Steigerwald, NSG "Brunnstube", 25.9.2014 (leg., det., Foto Lothar Krieglsteiner)

Die Vegetation am Fundort in der „Brunnstube“ besteht, was die Bäume betrifft, in der Umgebung aus Eschen und Buchen, dazu etwas weiter weg Fichten und kann in etwa dem Bach-Eschenwald (Carici remotae-Fraxinetum) zugeordnet werden – auch andernorts ein bekannter Wuchsort von Saftlings-Gesellschaften. Für die Lokalmatadoren: bei Schwäbisch Gmünd kommen ebenfalls Saftlings-Pilze in einem Bach-Eschenwald vor, in der „Költ“ bei Weiler i.d.B. (sö. Schwäbisch Gmünd, Albvorland auf Dogger). Dort wachsen z.B. Saftlinge (Hygrocybe glutinipes, H. insipida), der Wiesenellerling (Cuphophyllus pratensis), die seltene Gallertkoralle (Tremellodendropsis tuberosum) sowie zwei Erdzungen (Geoglossum fallax, Glutinoglossum glutinosum). Zurück zum Fundort im Steigerwald: die Pilze waren am direkten Bachufer zu finden, zusammen mit (wenige Meter entfernt) dem Mennigroten Saftling (Hygrocybe miniata), ebenfalls ein Zeigerpilz für saure, nährstoffarme Bachufer. Am engen Fundplatz von T. walteri mag es aber gar nicht so nährstoffarm zugehen, was das Vorkommen des Mooses Eurhynchium praelongum anzeigen mag, das eher für den mittleren Flügel an Nährstoffarmut steht sowie für einen gewissen Störungseffekt im Ökosystem. Auch die Vorkommen in Deggendorf stehen nicht alle für kompletten Nährstoffarmut. Gerade der Schauplatz des bayerischen Erstfundes, das inzwischen (bis auf ein kleines geschontes Relikt – außerdem fanden ja Sodenverpflanzungen ins nahegelegene Mietzing statt) in der Bebauung befindliche Gebiet Kreut war seinerzeit eine durchaus nur örtlich nährstoffarme Wiese, die durchaus intensiv von Hunden zur Erleichterung in flüssiger und fester Form genutzt wird. T. walteri wuchs dort vor allem, aber nicht nur in den nährstoffärmeren Partien – eine Tendenz, die auch für andere, aber auch nicht für alle Fundorte im Bereich Bayerischer Wald gilt – es gibt Funde in Borstgrasrasen, aber auch in durchaus mesophilem Grasland. T. walteri ist also nicht die empfindlichste Erdzunge und wohl viel häufiger, als es allgemein als gegeben angenommen wurde.

In Baden-Württemberg ist Walters Haarzunge bis heute nicht nachgewiesen worden – obwohl dies im Schwäbischen Wald, Schwarzwald oder Alpenvorland möglich sein sollte. Ich habe in Baden-Württemberg bisher noch nicht intensiv genug nach Erdzungen in sauren Wiesen gesucht – und offenbar auch noch nicht andere Pilzkenner. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich die Art in BW nachweisen werde – es kann nur eben auch gut sein, dass mir jemand anderes zuvorkommen wird. Wer versucht es?

Trichoglossum walteri ist mit einiger Übung ganz gut makroskopisch erkennbar – natürlich muss trotzdem jeder Fund mikroskopisch geprüft werden. Dann ist eine Verwechslung kaum möglich: T. walteri ist die einzige Haarzunge mit (konstant) 8-sporigen Schläuchen, sie gleicht hierin Geoglossum-Erdzungen. Diese weisen aber ja keine Setae (dickwandige Paraphysen) im Hymenium auf.

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 Walters Haarzunge mikroskopisch: 8-zellige Sporen und Setae im Hymenium

 Makroskopisch prägnant sind die kurzgestielt-keuligen Fruchtkörper, die in der Ausbildung der Keule sehr variieren können. Junge Pilze oder unter Gras wachsende sind oft insgesamt rundlich, dabei aber auch oft unregelmäßig geformt, ältere dagegen meist (und auch teils jüngere schon) seitlich abgeplattet; sie ähneln damit der Trockenen Erdzunge (Geoglossum cookeanum).

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