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Pilz des Monats Januar 2016 - Dunkelbrauner Muscheling (Hohenbuehelia unguicularis)

Anm. vom 6.1.2017: Aufgrund einer Nachuntersuchung und neuer Literatur-Konsultation komme ich nun zu dem Schluss, dass die unten (als H. cf. chevallieri) beschriebene Probe zu H. unguicularis gehört. Hohenbuehelia ist eine schwierige Gattung und Bestimmungs-Revisionen keine Ausnahme ... - bitte ersetzen Sie unten im Text immer in Gedanken "cf. chevallieri" durch "unguicuaris". Das alles einfach auszutauschen würde allerdings den Sinn des (unter Annahme cf. chevallieri verfassten) Textes durcheinander bringen.

Zunächst möchte ich allen Lesern meiner Rubrik "Pilz des Monats" ein erfülltes, gesundes und in jeder Hinsicht positives neues Jahr 2016 wünschen!

Heute gibt es ein Novum - erstmals stelle ich hier einen nicht hundertprozentig sicher bestimmten Pilzfund als "Pilz des Monats" vor. Sollte die Bestimmung korrekt sein, dann würde es sich um einen Erstnachweis für Baden-Württemberg handeln (vorausgesetzt, die Bestimmung durch H. Bender auf http://www.bender-coprinus.de/pilz_der_woche/2007/_hohenbuehelia_chevallieri.html - Fund in Nordrhein-Westfalen ist korrekt). Das Problem ist, dass die Bestimmung von Proben aus der Gattung Hohenbuehelia (Muschelseitling, Muscheling) wie in vielen anderen Pilzgattungen nicht so ganz ohne Tücken ist und sich auch die Merkmals-Angaben bei verschiedenen Bearbeitern der Gattung teilweise widersprechen. Was ich auf alle Fälle über meinen aktuellen Fund sagen kann, ist, dass es sich um eine Art handelt, die ich bisher nicht gefunden hatte.

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Hohenbuehelia-chevallieri-Muschelseitling-unguicularis-leightonii-Baden-Württemberg-Stuttgart
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Bläulicher Muschelseitling (Hohenbuehelia cf. chevallieri) - 28.12.2015 Baden-Württemberg, ö. Stuttgart,

Schwäbischer Wald bei Untergröningen, Wengen, Krempelbachtal, MTB 7025/3, an liegendem, frisch gefälltem

Buchenstamm (Fagus silvatica) der Initialphase, leg., det. L. Krieglsteiner & Katharina Löw -

unteres Bild: Studio mit Schnitt durch die Huthaut (dick und gelatinös)

Die seitlich kurz gestielten, relativ regelmäßig hutförmigen Fruchtkörper saßen an der Seite eines ca. 40 cm langen, dicken, frisch gefällten Buchenstammes im "Krempelbachtal" bei Wengen (Baden-Württemberg, MTB 7025/3) - Begleitpilze waren u.a. der Violette Schichtpilz (Chondrostereum purpureum), der Gelbstielige Zwergknäueling (Panellus serotinus oder Sarcomyxa serotina) sowie der Ablösende Rindenpilz (Cylindrobasidium laeve) - an der Stirn des Stammes fruchtete der Becherling Bisporella pallescens auf den schwarzen Striemen seiner Nebenfruchtform Bispora antennata (schwarzer Striemenschimmel der Buche).

Nun - die Bestimmung der Gattung Hohenbuehelia (Muschelseitling, Muscheling) ist eigentlich ziemlich einfach. Seitlich bis exzentrisch gestielte oder ungestielte Lamellenpilze an Holz oder anderem Pflanzensubstrat gehören hierher, wenn sie eine gelatinöse Huthaut haben und zumindest in den Lamellen zumindest einige ihrer typischen Zystiden (Cheilo- und vor allem Pleurozystiden) tragen - diese sind dickwandig und mit kräftigen Kristallschöpfen besetzt - auch in einem Quetschpräparat kaum zu übersehen.

Hohenbuehelia-chevallieri-Muschelseitling-Zystiden-Kristallschopf

Pleurozystiden von Hohenbuehelia cf. chevallieri aus Wengen (Baden-Württemberg, Schwäbischer Wald

ö. Stuttgart) 28.12.2015), - reich vorhanden und oft mit braunem Wandpigment

Dazu kommen weniger auffällige Strukturen, die sogenannten Gloeosphexen - Zystiden-Bildungen mit "Klebtröpfchen" an der Spitze. Dies verrät auch schon die Ernährungsweise der Muschelseitlinge - sie fangen wie die nahe verwandten Seitlinge (Pleurotus - diese mit Schlingen) Nematoden (winzige Rundwürmer) ein und saugen sie mit ihren Hyphen aus. Natürlich verzichten sie auch nicht auf saprobiontische Lebensweise, also Holzabbau.

Hohenbuehelia-chevallieri-Gloeosphexen-Zystiden-Nematodenfang-Pleurotus-Seitlinge
Gloeosphexe von Hohenbuehelia cf. chevallieri aus Wengen (Baden-Württemberg, Schwäbischer Wald ö. Stuttgart)

Bei der Aufsammlung aus Wengen konnten reichlich dickwandige Pleurozystiden (diese sind wunderbare Objekte für mikroskopische Pilzseminare) festgestellt werden, die oft braune Wände hatten. Auch Gloeosphexen waren reichlich vorhanden - leider nur sparsam allerdings Sporen, die mit ca. 9-11/4-4,5(5) µm vermessen wurden.

Hohenbuehelia-chevallieri-Drusen-Huthaut-Muschelseitling-Baden-Württemberg-Schwäbisch-Gmünd
Hohenbuehelia-chevallieri-unguicularis-leightonii-Sporen

Hohenbuehelia cf. chevallieri aus Wengen (Baden-Württemberg, Schwäbischer Wald n. Schwäbiscch Gmünd) -

Sporen (unten) und Kristalldrusen der Huthaut (oben)

Die Untersuchung der Huthaut ergab reichlich schnallentragende Hyphen mit großen Zwischenräumen aus Gel. Kristalltragende Zystiden wurden dort nicht gefunden, dafür aber reichlich scheinbar lose aufliegender Kristalldrusen. Und besonders interessant: die Hyphen der Huthaut weisen zum Teil ein sehr kräftig entwickeltes, inkrustierendes Pigment auf, das in zebra-artig gestreiften Bändern aufliegt. Über dieses Merkmal finde ich in der Literatur nicht viel ....

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Hohenbuehelia cf. chevallieri aus Wengen (Baden-Württemberg, Schwäbischer Wald n. Schwäbisch Gmünd, 28.12.2015) - inkrustiertes Pigment in Bänder-Form ....

Wer also etwas zur Klärung des Fundes beitragen kann, darf sich gerne bei mir melden. Der typische Blauton des Hutes, der typisch für H. chevallieri sein soll, war bei meinem Fund nicht deutlich, dazu kommt die starke Riefung des Hutes. Andere Hohenbuehelia-Arten mit stark grau gefärbten Lamellen (H. nigra, H. unguicularis, H. leightonii) passen allerdings noch schlechter (H. unguicularis ist z.B. anders geformt, mit der Hutseite angewachsen, H. leightonii hat größere und breitere Sporen) uns so lege ich den Fund zunächst einmal als H. cf. chevallieri ab.

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