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Pilz des Monats Dezember 2014: Schwarzpurpurne Erdzunge (Thuemenidium atropurpureum)

 Erdzungen sind interessante Pilze – in verschiedener Hinsicht. Zum einen sehen sie aus wie Keulenpilze (wer kennt nicht z.B. die Herkuleskeule Clavariadelphus pistillaris oder die Wiesenkeulen der Gattung Clavulinopsis) – unter dem Mikroskop erweisen sie sich jedoch als Schlauch- und nicht als Ständerpilze. Man kann sie als gestielte Becherlinge ansehen, deren Becher konvex wurden und mit dem Stiel verwachsen sind.

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Schwarzpurpurne Erdzunge (Thuemenidium atropurpureum) auf der Schwäbischen Alb bei Söhnstetten (Baden-Württemberg, nw. Ulm) - 15.11.2014, leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner

Auch ökologisch sind Erdzungen interessant. Sie gehören zu den sogenannten „Saftlings-Gesellschaften“, treten also fast immer zusammen mit Saftlingen, Wiesenkorallen und –keulen, Samtritterlingen, Samtellerlingen, Wiesen-Rötlingen und anderen Pilzen auf, denen gemeinsam ist, dass ihre Ernährungsweise noch nicht vollständig geklärt ist. Neuere Ansätze gehen davon aus, dass es sich möglicherweise um Endophyten in grünen Pflanzen handelt. Auf alle Fälle: die Vertreter der Saftlings-Gesellschaften gehen in unserer „Kulturlandschaft“ zurück, vor allem wohl aufgrund der Überdüngung unserer Landschaft. Sie wachsen in nährstoffarmen („mageren“) Wiesen, aber auch in bestimmten Wäldern und Gebüschen z.B. mit Eschen oder Rosengewächsen (Weißdorn, Schlehe). Manche Arten sind basiphil, kommen vor allem auf Kalkböden vor, während andere mehr sauren Boden bevorzugen.

Innerhalb der Erdzungen hat sich in den letzten Jahren durch molekularbiologische Untersuchungen herausgestellt, dass die beiden Gruppen, die schon vorher mikroskopisch unterschieden werden konnten, nicht näher miteinander verwandt sind. Die Gruppe der „schwarzen Erdzungen“ (Geoglossum, Trichoglossum und Sarcoleotia im engen Sinn) wurden neuerdings in eine eigenen Ordnung gestellt, aus den eigentlichen inoperculaten Becherlingen (Ordnung Helotiales = Leotiales) heraus. Inoperculat nennt man Becherlinge, bei denen die Sporen durch einen Porus aus den Schläuchen herauskommen müssen.

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mit "Baral`scher Lösung" (Jod-Kaliumjodid) angefärbter Porus der Schläuche von Thuemenidium atropurpureum. Der Schlauchporus enthält Polysacharide, die (ähnlich Kartoffel-Stärke) mit Jodreagentien angefärbt werden können. "Das Blaue" ist ein Hohl-Zylinder, durch den alle Sporen hindurch müssen, wenn sie aus dem Schlauch "heraus wollen" :-) - Söhnstetten, Stöckelberg, s.o. (leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner)

Diese schwarzen Erdzungen haben stets lange und dünne, dunkel gefärbte Sporen mit meist 7 oder 15 Querwänden (Septen). Die gefärbten Erdzungen der Gattung Microglossum (bekannt sind z.B. grüne, bläuliche, rotbraune und auch gelbe Arten – sie sind bestimmt auch einmal einen „Pilz des Monats“ wert) haben dagegen kürzere und durchsichtig-hyaline Sporen. Ein Nebenprodukt der DNA-Untersuchungen war übrigens auch, dass sie mit dem häufigen Gallertkäppchen (Leotia lubrica) äußerst nahe verwandt sind. Und unser Pilz – die Schwarzpurpurne Erdzunge? Nun, sie hat auch hyaline, wenn auch recht längliche Sporen und ihre Verwandtschaft ist tatsächlich nicht bei den „anderen Schwarzen“, sondern bei den gefärbten Erdzungen zu sehen.

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Lebende Sporen sind stets durch eine abgerundete Form ihrer Inhalte (hier: Öltropfen) gekennzeichnet. Sterben die Sporen ab, zerfließen die Tropfen. Deshalb ist es besonders wichtig, immer lebendige Pilze zu untersuchen. Getrocknetes Herbar-Material lässt (u.a.) die Tropfen-Anordnung in den Sporen nicht mehr erkennen :-( Stöckelberg bei Söhnstetten (BAden-Württemberg) - leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner

Am 15. November 2014 war ich zusammen mit meiner Freundin Katharina am unter Pilz-Leuten recht bekannten „Stöckelberg“ bei Söhnstetten auf der Schwäbischen Alb. Diese Bergkuppe (nicht direkt erreicht durch Düngungs-Maßnahmen) ist bekannt als ein überregional bedeutsamer Wuchsort zahlreicher Saftlings-Arten (von denen auch der eine oder andere einmal ein Pilz des Monats sein könnte ..) und anderer seltener „Wiesenpilze“. Der Großteil des „Stöckelberg“-Plateaus hat eine saure Deckschicht, und so wächst in der dortigen Heide z.B. auch viel Besenheide (Calluna vulgaris). Im südöstlichen Bereich scheint diese Deckschicht aber auszudünnen und es mehren sich die Kalkzeiger unter Pflanzen und Pilzen (immerhin sind wir auf der Schwäbischen Alb).

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saure Heide ("Gentiano-Koelerietum agrostietosum" der Pflanzensoziologen) am "Stöckelberg" bei Söhnstetten (BAden-Württemberg) auf der Schwäbischen Alb - fot. L. Krieglsteiner

Erdzungen hatte ich am Stöckelberg zwar immer vermutet, aber bis dato noch nie finden können. Das war an diesem Samstag anders. Im „kalkigen Bereich“ wuchs an vielen Stellen die Schatten-Erdzunge (Geoglossum umbratile), während im sauren Bereich eine andere Erdzunge ganz üppig, an etlichen Klein-Stellen „herumstand“. Sie fiel schon durch ihre dicklichen, etwas unregelmäßig ausgebildeten Fruchtkörper auf, und schon im Gelände hatte ich den Verdacht, die seltene Schwarzpurpurne Erdzunge (Thuemenidium atropurpureum) gefunden zu haben, was dann unter dem Mikroskop bestätigt werden konnte. Diese Art ist meines Wissens in Baden-Württemberg vorher noch nicht gefunden worden!

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 "knorrig-gedrungene" Wuchsform bei der Schwarzpurpurnen Erdzunge (Thuemenidium atropurpureum) - bei Söhnstetten auf der Schwäbischen Alb (Baden-Württemberg) am 15.11.2014 - leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner
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