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 Pilz des Monats Dezember 2015 - Violettmilchender Becherling (Peziza saniosa)

Heute mal ein Pilz des Monats, der kaum zu verwechseln ist und dem ich aus Zeitgründen nicht allzuviel Text widme - ich lasse vor allem 2 Bilder sprechen, die bei einem recht reichlichen Fund in diesem Jahr im Nationalpark Eifel (Nordrhein-Westfalen) gelangen. Standort war ein Eichen-Hainbuchenwald auf saurem Boden - in Anbetracht der warmen Süd-Exposition waren weitere "Kalkzeiger" (in Wahrheit eher wärmeliebende Arten wie der Grüne Knollenblätterpilz Amanita phalloides) neben Säurezeigern wie dem Orangefuchsigen Hautkopf (Cortinarius orellanus) zu finden. Kalkzeiger sind oft "nur" wärmeliebende Arten, die an entsprechend warmen Standorten auch sauren Boden bewohnen. Kalk hat eine verglichen mit Sandstein oder Granit deutlich höhere Wärmekapazität, was Sie bemerken werden, wenn Sie nach einem Altweibersommer-Tag in der Nacht nacheinander auf einen Kalkstein- und dann auf einen Granitblock sitzen :-)

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Violettmilchender Becherling (Peziza saniosa) im Eichen-Hainbuchenwald des Nationalpark Eifel

(Nordrhein-Westfalen), nw. Heimbach am 2.9.2015

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Violettmilchender Becherling (Peziza saniosa) mit violett verfärbendem Milchsaft - Nationalpark Eifel (Nordrhein-Westfalen), nw. Heimbach am 2.9.2015, leg., det. L. Krieglsteiner

Auch den Violettmilchenden Becherling finde ich - vor allem in Gebirgslagen - sonst meist an basenhaltigem Standort und oft auf Kalkböden. In Südeuropa, Mainfranken oder eben hier in der Eifel tritt er aber auch auf saurem Boden auf. Wovon die Art lebt? Nun - möglicherweise auch saprobiontisch, wofür Funde z.B. auf morschem Holz sprechen. Meist findet man die Art aber auf nacktem Erdboden oder in der Laubstreu. Es ist m.E. nicht bekannt, ob es sich (auch) um einen Mykorrhizapilz handelt. Der relativ nahe verwandte Kastanienbraune Becherling (Peziza badia) scheint jedenfalls einer zu sein, während andere Arten der Groß-Gattung (oft Arten mit glatten Sporen) eindeutig Saprobionten sind (etwa der Blasige Becherling Peziza vesiculosa).

Der Violettmilchende Becherling gehört zu den Arten mit ornamentierten Sporen. Ein sich verfärbender Milchsaft ist auch bei anderen Arten bekannt, bei denen die Verfärbung allerdings ins Gelbe geschieht (P. succosa s.l., P. michelii).


Pilz des Monats November 2015 - Orangegelber Lärchen-Schneckling (Hygrophorus speciosus)

In der zweiten Oktoberhälfte verbrachte ich eine Woche im österreichischen Kärnten, wo es im Gegensatz zu den Regionen Deutschlands, die ich vorher besuchte, fantastisch viele Pilze zu finden gab. Darunter auch mehrfach einen Schneckling, der mir so vorher noch nie begegnet war und der durch seine orangeroten Farbtöne vor allem in der Hutmitte auffiel.

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Orangegelber Lärchen-Schneckling (Hygrophorus speciosus) - A-Kärnten, St. Egyden, "Rupertiberg",

21.10.2015, unter Kiefern auf oberflächlich versauertem Boden über Kalk, leg. M. Koncilja & L. Krieglsteiner

Hygrophorus-speciosus-lucorum-aureus-Österreich-Kärnten-Lärche-Kiefer-Larix-Pinus

Hygrophorus speciosus - A-Kärnten, St. Egyden, "Turia-Wald", 23.10.2015, unter Kiefer und Lärche auf

oberflächlich versauertem Boden über Kalk, leg. M. Koncilja & L.. Krieglsteiner, det. L. Krieglsteiner

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Hygrophorus speciosus - Schleimschicht als schleimiges Velum partiale am jungen Fruchtkörper

(Funddaten w.v.)

Ich hatte auch gleich zwei Namen im Hinterkopf – aureus und speciosus – und aufgrund der Tatsache, dass wir beim ersten Fund nur Kiefern und keine Lärchen in der Umgebung feststellen konnten, nahm ich zunächst an, es würde sich um den Orangegelben Frostschneckling (Hygrophorus aureus bzw. H. hypothejus var. aureus) handeln, zumal auch typische Frostschnecklinge (H. hypothejus s.str. – hier wie auch sonst stets bei Kiefern) bei einem Teil der Funde nicht allzu weit entfernt standen.

Hygrophorus-hypothejus-Frostschneckling-speciosus-aureus-Pilzkurse-Pilzseminare-Pilzschule-Krieglsteiner

Frostschneckling (Hygrophorus hypothejus) - Kärnten, St. Egyden, Turia-Wald, unter Kiefer,

oberflächlich versauert über Kalkboden, 23.10.2015, leg., det. L. Krieglsteiner

Allerdings brachte das Mikroskop rasch die Erkenntnis, dass es sich um den Orangegelben Lärchenschneckling (Hygrophorus speciosus, auch H. lucorum var. speciosus) handeln sollte, denn die Sporen erwiesen sich als deutlich verlängert und nicht breit ellipsoidisch (Bestimmung nach Funga Nordica).

Hygrophorus-speciosus-Sporen-lucorum-aureus-Österreich-Kärnten-Lärche-Kiefer-Larix-Pinus

 verlängerte Sporen von Hygrophorus speciosus - A-Kärnten, St. Egyden, Rupertiberg, 21.10.2015

(leg. M. Koncilja & L. Krieglsteiner, det. L. Krieglsteiner)

Bei Bon konnte ich dann auch nachlesen, dass die Sippe auch bei Kiefern und nicht nur bei Lärchen gefunden werden kann – etwas ungewöhnlich für einen Schneckling, denn die Mehrzahl der Arten sind recht eng spezialisierte Mykorrhizapilze. Die Frage, ob es sich um eine gute Art handeln, ist ebenfalls berechtigt. Der Lärchenschneckling im engeren Sinne (Hygrophorus lucorum s.str.) hat normalerweise keine, manchmal aber doch schwache Orange-Töne in der Hutmitte. Doch falsch scheint es aber zu sein, orangegelbe Formen des Frostschnecklings („aureus“) und des Lärchenschnecklings („speciosus“) zusammen zu werfen, wie das z.B. auf der Website www.123pilze.de geschieht und zur weiteren Verwirrung beiträgt.

So oder so – es handelt sich hier um einen besonders hübschen Schneckling und wohl auch um eine wohlschmeckende, essbare Art. Ich habe sie zwar nicht ausprobiert, aber in der ganzen Gattung gibt es keine giftigen Arten und die Verwandten, Frost- und Lärchenschneckling gelten als gute Speisepilze. Der Schnecklings-Schleim vergeht beim Braten in der Pfanne vollständig – diese Erfahrung machte ich jedenfalls schon mit dem – wohlschmeckenden – Olivgestiefelten Schneckling (Hygrophorus persoonii), der vor wenigen Monaten schon Pilz des Monats auf dieser Website war und über den ein you-tube-Video mit mir von Katharina Löw vorliegt: https://www.youtube.com/watch?v=s6vUBAyNvFg&feature=youtu.be.

H. speciosus hat seine Hauptverbreitung in Gebirgslagen – nicht verwunderlich bei einem Mykorrhizapilz (u.a.) er Lärche – die gelbe Form des Lärchenschnecklings (H. lucorum im engen Sinn) ist allerdings mit der Lärche auch in der Ebene häufiger zu finden.


  Pilz des Monats Oktober 2015 - Flammen-Holzritterling (Tricholomopsis flammula)

Keineswegs alle Mykologen erkennen diese hübsche Art an - z.B. schon G.J. Krieglsteiner, der dazu ausführlich argumentiert hat, aber auch z.B. Erhard Ludwig in seinem Pilzkompendium.

Tricholomopsis-flammula-Zwerg-Holzritterling-Schwäbisch-Gmünd-Költ
Tricholomopsis-flammula-2-Zwerg-Holzritterling-Schwäbisch-Gmünd-Költ
Flammen-Holzritterling, Zwerg-Holzritterling (Tricholomopsis flammula) - gefunden im Rahmen eines Pilzkurses von Pilzschule Schwäbischer Wald im Waldgebiet "Költ" unweit Schwäbisch Gmünd-Weiler i.d. Bergen (Baden-Württemberg, Vorland zur Schwäbischen Alb) am 13.9.2015 - Fotos L. Krieglsteiner (leg., det. L. Krieglsteiner)

Fast schon empört berichtet er über Mykologen, die es fertigbringen, dieser "Zwergform" des Gewöhnlichen Holzritterlinges (Tricholomopsis rutilans) als eigene Art zu gewichten. Zugegeben: die angegebenen Mikromerkmale im Bereich von Sporen und Zystiden sind nicht allzu überzeugend und auch bei beiden Arten variabel, überschneiden sich in der Tat deutlich. Trotzdem: ich finde, dass sich beide makroskopisch deutlich unterscheiden, und zwar in Hut- und Stielbekleidung.

Tricholomopsis-flammula-Hut-Oberseite-Zwerg-Holzritterling-Schwäbisch-Gmünd-Költ
Tricholomopsis-flammula-Oberseite-2-Zwerg-Holzritterling-Schwäbisch-Gmünd-Költ
Tricholomopsis-flammula-Detail-Hut-Zwerg-Holzritterling-Schwäbisch-Gmünd-Költ
Tricholomopsis-flammula-Unterseite-Lamellen-Zwerg-Holzritterling-Schwäbisch-Gmünd-Költ

Flammen-Holzritterling (Tricholomopsis flammula): Details von Hut-Oberfläche (3x, das dritte mit DNT Digita

l Mikroskop aufgenommen) und von unten (Stiel und Lamellen) - alle Aufnahmen aus dem Waldgebiet "Költ"

bei Schwäbisch Gmünd-Weiler i.d. Bergen, am 23.9.2013 sowie am 26.8. und 30.9.2015,

leg., det. L. Krieglsteiner (Fotos L. Krieglsteiner)

Zwergformen von T. rutilans, die in der Tat genauso klein ausfallen können wie "normale" T. flammula, sind im Regelfall gut von letzterer zu unterscheiden.

Tricholomopsis-rutilans-Rötlicher-Holzritterling-Eifel-Nadelholz
Tricholomopsis-rutilans-Theiß-Rötlicher-Holzritterling-Eifel-Nadelholz

Details von Hut- und Stiel-Oberfläche junger Fruchtkörper des Purpurfilzigen (Rötlichen) Holzritterlings

(Tricholomopsis rutilans) zum Vergleich. Beachten Sie die jung fast geschlossene Hutdeckschicht sowie den

kaum filzigen Stiel (Fotos: L. Krieglsteiner, 30.8.14, Nationalpark Eifel (Nordrhein-Westfalen) -

zweites Foto: M. Theiß)

 Ich habe den Flammen-Holzritterling noch recht selten gefunden - an einer Stelle in der Nähe von Schwäbisch Gmünd (Albvorland im Bereich der "Költ" unweit Weiler i.d. Bergen) finde ich die Art allerdings immer wieder, in einem begrenzten Waldstück an verschiedenen Klein-Stellen, immer (wie auch T. rutilans oft) an Fichtenholz. Nun - wie immer man diesen Fall auch sehen mag, es handelt sich um sehr hübsche kleine Pilze, und manch ein weniger kenntnisreicher Finder mag gar nicht auf die richtige Gattung kommen und den Pilz im Bereich eines Braunsporers (z.B. Schüppling oder Flämmling) unterzubringen suchen. Ob T. flammula eine eigene Art ist? Ich denke ja, aber die Wahrheit wird wohl (wenn überhaupt) nur durch molekularbiologische Untersuchungen zu klären sein.


Pilz des Montas September 2015 - Lilagrauer Nabelrötling (Entoloma incarnatofuscescens)

Heute möchte ich mal wieder einen Rötling zeigen – auch, um für den im Oktober stattfindenden Rötlingskurs (9.-10. Oktober) noch etwas Werbung zu machen. Rötlinge sind nach den Schleierlingen die artenreichste Gattung der Lamellenpilze und es gibt sie in allen Farben, Formen und Größen und mit allen Lamellen-Ansätzen außer völlig frei. Ich zeige eine kleine Art, die habituell eher an einen Nabeling erinnert – hat sie doch einen bald niedergedrückten Hut und herablaufende Lamellen.

Entoloma-incarnatofuscescens-2-Nabelrötling-Unterfranken-Grettstadt

Lilagrauer Nabelrötling (Entoloma incarnatofuscescens) - junge Fruchtkörper an Bachkante über Ölschiefer

sö. Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg, Vorland der Schwäbischen Alb), am 23. August 2015,

leg. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det. L. Krieglsteiner

Im Gegensatz zu Nabelingen (die ebenfalls ein „weites Feld“ darstellen) sind Rötlinge Rosasporer, mikroskopisch kann man die Gattung immer an den typischen eckigen Sporen erkennen. Unter den Nabelrötlingen gibt es nur eine Art mit dem typischen, jung blauen Stiel. Insofern gehört die hier dargestellte Art zu den eher leicht bestimmbaren Arten der Gattung. Welche Ökologie, d.h. Ernährungsweise die meisten Rötlinge haben, ist übrigens noch nicht abschließend geklärt.

Entoloma-incarnatofuscescens-Nabelrötling-Unterfranken-Grettstadt

Lilagrauer Nabelrötling (Entoloma incarnatofuscescens) - reichliche, teils reife Aufsammlung

(Achtung: rosa Lamellen!) in naturnahem Auenwald über Muschelkalk (Unterfranken, Schweinfurter Becken,

NSG "Riedholz" bei Grettstadt), am 31. August 2010, leg., det. L. Krieglsteiner

Der Lilagraue Nabelrötling wächst meist an mäßig nährstoffreichen, meist basenhaltigen Standorten, oft auf Kalkböden. Beim Rötlingskurs im Oktober erhalten Sie einen Überblick über die Formenvielfalt, Systematik und Ökologie der großen und teilweise auch schwierigen Gattung.


Pilz des Monats August 2015 – Großer Natternstiel-Schneckling oder auch Olivgestiefelter Schneckling (Hygrophorus persoonii)

sehen Sie hierzu auch: https://www.youtube.com/watch?v=s6vUBAyNvFg&feature=youtu.be

Hygrophorus-persoonii-Monchique-Algarve-Portugal-Olivgestiefelter-Schneckling-Korkeiche

Großer Natternstiel-Schneckling (Hygrophorus persoonii) im Korkeichenwald bei Monchique (Portugal, Algarve),

17.12.2011, leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner (Foto L. Krieglsteiner)

Die Frage, ob ein Pilz essbar ist oder giftig – und wenn er essbar ist, ob er denn gut schmeckt oder eher ein „Kriegspilz“ sei, ist eine der am Häufigsten gestellten Fragen an einen Pilze-Lehrer. Schon die erste Frage ist nicht immer so ganz eindeutig bzw. nur mit dem Wort „ja“ oder „nein“ beantwortbar – wer sich intensiver mit Pilzen beschäftigt hat, weiß, dass es zwischen „essbar“ und „giftig“ so allerhand Grauzonen gibt. Noch weniger eindeutig ist in der Regel die Beantwortung der zweiten Frage, denn Geschmack ist etwas sehr Individuelles und was dem einen schmeckt, findet der andere ekelhaft. So habe ich mir vorgenommen und schon teilweise umgesetzt, immer wieder einmal mir bisher – was den Speisewert betrifft – nicht persönlich bekannte Pilzarten auszuprobieren – im Rein-Gericht und nur mit Olivenöl und Salz versetzt. Es ist nämlich so, dass ich im normalen Alltag keineswegs häufig Pilze esse – und die bei wissenschaftlichen Exkursionen oder auch bei Seminaren gefundenen Pilze wandern meist nicht in die Küche, zumindest nicht in meine L

Als ich mit Katharina im letzten Winter in der Algarve war, gab es in den dortigen Korkeichenwäldern sehr häufig eine Lamellenpilz-Art, die auch in Deutschland unter Eichen vorkommt, dort aber nur in wärmebegünstigteren Regionen häufiger wächst, nämlich den Olivgestiefelten Schneckling (Hygrophorus persoonii). Nun weckt bei mir Schleim als Bestandteil einer Pilzmahlzeit nicht unbedingt die Assoziation von großem kulinarischem Genuss, und vielen anderen Pilzesammlern mag es ähnlich gehen. Und Schnecklinge sind – zumindest die meisten Arten – in feuchtem Zustand ausgeprägt schleimig. Wenn ich z.B. an Schmier- und Filzröhrlinge denke und mich an Mischpilzgerichte erinnere, die diese enthalten, denke ich eher mit Schaudern an die damit verbundenen taktilen Sinnesreize der Mundschleimhaut, weswegen ich für solche Pilze auch gerne den Begriff „Mundschnecken“ verwende.

Hygrophorus-persoonii-Olivgestiefelter-Schneckling-Portugal-Algarve-Monchique-Korkeiche

junger, stark schleimiger Fruchtkörper des Olivgestiefelten Schnecklings (Hygrophorus persoonii) - Portugal,

Algarve, Monchique, Hang zum Picota, 14.12.2013 (leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner,

det. L. Krieglsteiner)

Meine Erwartung an den Speisewert des Großen Natternstiel-Schnecklinges war also von vorne herein eher begrenzt. Umso begeisterter registrieren sowohl Katharina als auch ich, dass der gesammelte Pilz hervorragend schmeckte – und künftig werde ich ihn sammeln und zubereiten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Vom jung durchaus noch vorhandenen Schleim auf Hut- und Stielhaut war nichts mehr zu bemerken oder zu schmecken, obwohl wir ihn keineswegs besonders reinlich entfernten und die jungen Pilze sogar ganz mitsamt dem Schleim in die Pfanne schnitten. In älteren Büchern findet man manche Schnecklinge auch oft als gute Speisepilze klassifiziert – ein Wissen, das zumindest vielen verloren gegangen zu sein scheint. Übrigens: unter den zahlreichen Arten der Gattung sind bis heute keine Giftpilze bekannt geworden. Schnecklinge zu Speisezwecken zu sammeln ist also durchaus eine lohnende Angelegenheit, nicht nur an der Algarve, sondern auch in Deutschland.

Der Olivgestiefelte Schneckling gehört zu einer kleinen Gruppe von Arten mit hell-dunkel gemusterten Stielen („genattert“). Am Häufigsten ist der „Natternstielige Schneckling“ (Hygrophorus olivaceoalbus), der recht häufig unter Nadelbäumen (Fichte, Kiefer) auf sauren Böden zu finden ist, er ist meist deutlich dunkler gefärbt und hat kleinere Fruchtkörper. Ähnlicher ist der Große Kiefern-Schneckling (Hygrophorus latitabundus) – wie H. persoonii (Großer Natternstiel-Schneckling oder Olivgestiefelter Schneckling) wächst er an wärmebegünstigten Standorten, in Mitteleuropa nur auf Kalkböden, und kann auch neben H. persoonii wachsen – allerdings nur, wenn Eichen und Kiefern durcheinander wachsen und vor allem an Waldrändern.

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Großer Natternstiel-Schneckling (Hygrophorus persoonii) - in Deutschland an wärmebegünstigten Standorten,

unter Eichen: Mainfranken, Zellingen n. Würzburg, "Hügelspitz", 19.9.2008, leg., det. L. Krieglsteiner

(Foto L. Krieglsteiner) - hervorragender Speisepilz!

Im Gegensatz zu H. persoonii wächst er (der Große Kiefern-Schneckling H. latitabundus) in der Regel außerhalb des Waldes, z.B. auf Trockenrasen und Magerwiesen und ist meist größer und auch dunkler (dunkel graubraun bis schwarz), ohne den für H. persoonii typischen Olivton, und in der Regel mit stärker einfarbigen (nicht am Rande helleren Hüten). Alle Schnecklinge sind – teils sehr spezifische – Mykorrhizapilze, die nur bei bestimmten Baumarten gefunden werden können.

Hygrophorus-persoonii-Olivgestiefelter-Schneckling-Portugal-Algarve-Vila-Foia-Monchique-KorkeicheVilaFoia

typisch für die ganze Artengruppe: blass abgesetzte Stielspitze über genattertem Stiel: Olivgestiefelter Schneckling

(Hygrophorus persoonii), Portugal, Algarve, Monchique, Vila Foia, im Korkeichenwald, 25.12.2013,

leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det. L. Krieglsteiner (Foto L. Krieglsteiner)

Hygrophorus-persoonii-Vila-Foia-Olivgestiefelter-Schneckling-Portugal-Algarve-Monchique-Korkeiche

Olivgestiefelter Schneckling (Hygrophorus persoonii), Portugal, Algarve, Monchique, Vila Foia,

im Korkeichenwald, 25.12.2013, leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner


Pilz des Monats Juli 2015 - der Schlauchpilz Tryblidiopsis pinastri Höhn.

Diesmal nur ein relativ kurzer Text - zu einem "Fortgeschrittenen-Pilz". Schlauchpilze dieser Größe (der Pilz ist um einen mm groß) werden nur von wenigen Spezialisten gesammelt und bestimmt - z.B. bei meinem Schlauchpilzkurs (vgl. Seminarprogramm 2015). Die Fruchtkörperform ist hier kein normaler Becher, sondern eine sogenannte Lirelle, die sich mit einem Längsschlitz (so z.B. bei den "Spaltlippen" der Gattung Lophodermium) oder wie hier mit mehreren Rissen öffnet.

Tryblidiopsis-pinastri-Lirellen-Österreich-Tirol-Lechtaler-Alpen-Fichte-Picea-abies

der Schlauchpilz Tryblidiopsis pinastri (Rhytismatales) - Österreich, Lechtaler Alpen, b. Vorderhornbach, Tallage,

an berindeten Zweigen an stehendem Baum von Fichte (Picea abies) in ca. 1-2 m Höhe, 24.5.2015,

leg. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner

Verwandtschaftlich ist die Art, die - wie so viele andere - keinen deutschen Namen besitzt, mit dem Ahorn-Runzelschorf verwandt, gehört also zur Ordnung Rhytismatales. Bei Trockenheit ist von den Fruchtkörpern kaum etwas zu sehen, sie öffnen die Fruchtscheibe nur bei luftfeuchten Bedingungen. Für mich war der Fund von Tryblidiopsis pinastri ein Erstfund, habe die Art nie vorher gesehen. Ob sie selten ist, kann schwer gesagt werden. Livsey & Minter (1994 - in Canadian Journal of Botany) nennen die Art "common on twigs and branches of Picea spp.". Obwohl die Art "pinastri" (das lässt an die Kiefer denken) heißt, kommt sie also an Fichtenästen vor. In Mitteleuropa scheint es nicht so viele Nachweise zu geben. Vermutlich ist sie nordisch-montan verbreitet. Mikroskopisch ist der Pilz unverkennbar. Die ungleich septierten Sporen mit der dicken Schleimhülle haben hohen Wiedererkennungswert.

Tryblidiopsis-pinastri-Sporen-Österreich-Tirol-Lechtaler-Alpen-Fichte-Picea-abies
Tryblidiopsis-pinastri-Sporenmaße-Österreich-Tirol-Lechtaler-Alpen-Fichte-Picea-abies

Sporen im Schlauch (oben) und außerhalb, von Tryblidiopsis pinastri, Lechtaler Alpen, 24.5.2015

(Foto L. Krieglsteiner)


Pilz des Monats Juni 2015 - Schuppenstieliger Weichritterling (Melanoleuca verrucipes (Fr.) Singer)

Dieser Pilz ist kaum zu verwechseln – wenn man ihn einmal gesehen und bestimmt hat, wird man ihn immer wieder erkennen. Die Kombination von weißen Lamellenpilzen mit deutlich schwarz geschuppten Stielen ist nämlich einmalig.

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Schuppenstieliger Weichritterling (Melanoleuca verrucipes) - 7.5.2015, Bayern, Bayerischer Wald, Zwiesel-Rabenstein (leg. L. Redemund, Foto ist Standorts-Fake durch L. Krieglsteiner)

Die Art ist relativ selten – es scheint aber, als ob sie in Ausbreitung begriffen sei, denn sie tritt in den letzten Jahren etwas häufiger auf. Oft findet man sie – wie andere Weichritterlinge – an nährstoffreichen Standorten, z.B. an Kompost- und Pflanzenreste-Abfallhaufen in Wäldern. Weichritterlinge sind ja (wie Rötelritterlinge (Lepista), aber im Gegensatz zu „echten“ Ritterlingen (Tricholoma)) Saprobionten, d.h. sie bauen tote pflanzliche Reste ab. Der Lamellenansatz ist wie bei echten Ritterlingen oft – nicht immer typisch – ausgebuchtet-angewachsen, also mit einem sogenannten „Burggbraben“ versehen.

Melanoleuca-subalpina-Lamellenansatz-strictipes-Steifstieliger-Almen-Weichritterling-Österreich-Tirol-Lechtaler-Alpen
Burggraben beim "Almen-Weichritterling" (Melanoleuca subalpina) - 24.5.2015, Österreich, Tirol, bei Hinterhornbach in den Lechtaler Alpen, leg. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det. fot. L. Krieglsteiner

Weichritterlinge sind essbar, auch wenn es sich nicht um besonders gute Speisepilze zu handeln scheint. Im Gegensatz zur vorgestellten Art sind die meisten anderen Arten der Gattung schwer bestimmbar ….


Pilz des Monats Mai 2015 - Schlehen-Rötling (Entoloma sepium)

Rötlinge der Früh-Saison sind nicht immer einfach zu bestimmen. Dies gilt natürlich auch für viele Rötlinge im spätereren Verlauf des Jahres – und einige von diesen wachsen auch schon ab April. Es gibt mehrere Vertreter der Untergattung Entoloma – also fleischige Pilze mit glattem Hut – die im Frühjahr wachsen, in etwa zur Morchelzeit. Zwei dieser Arten sind vorzugsweise unter Gebüsch von Rosengewächsen zu finden, unter Schlehen, Pflaumen, Quitten, Apfelbäumen (u.a.). Sie wachsen auf basenreichem Boden (oft Kalk) und riechen mehr oder weniger mehlartig. Diese beiden Arten sind im Übrigen essbar, auch wenn ihr Genuss nur fortgeschrittenen Pilzkennern vorbehalten sein sollte. Denn die Verwechslung mit giftigen Arten – aus dieser und anderen Gattungen – darf doch nicht ganz unterschätzt werden. Hierauf gehe ich jetzt aber nicht näher ein. Ich möchte nur kurz vorstellen, wie man den Schlehenrötling vom ähnlichen Schildrötling (Entoloma clypeatum) unterscheiden kann. Zunächst: der Schlehenrötling ist meist sehr blass gefärbt – nahezu weiß bis blass cremebräunlich, nur selten findet man etwas dunklere Formen.

Entoloma-sepium-Zaunrötling-Habitus-Remstal-Schlehe-Pflaume-Garten
Schlehen-Rötling (Entoloma sepium) - Baden-Württemberg, ö. Stuttgart (w. Schwäbisch Gmünd), Lorch-Waldhausen, unter Pflaume (Prunus domestica), 11.5.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Umgekehrt ist der Schild-Rötling meist recht deutlich graubraun gefärbt, auch recht dunkel – es gibt aber auch sehr blasse, nahezu cremeweißliche Formen. Was macht man also im Zweifelsfall? Auch das Mikroskop hilft nur wenig weiter – beide Arten ähneln sich auch mikroskopisch. Es hilft allerdings die Chemie, nämlich verschiedene Verfärbungen. Zunächst ohne Zusatz – oder nennen wir es eine Reaktion auf den Fraß von Fliegenlarven („Maden“). Dort färbt sich nämlich der Schlehen-Rötling rosarötlich, während beim Schildrötling nichts Nennenswertes zu beobachten ist. Der Schildrötling bleibt auch bei zwei (weiteren) chemischen Reaktionen negativ: im Fleisch mit Anilin und mit Guajak – während der Schlehenrötling (Entoloma sepium) hier „Farbe zeigt“. Er färbt mit Anilin rot und mit Guajak blau. Chemisch also ist die Unterscheidung beider Arten unproblematisch.

Entoloma-sepium-Zaunrötling-Fraßgänge-Remstal-Schlehe-Pflaume-Garten
"Maden"-Fraßgänge beim Schlehen-Rötling (Entoloma sepium) - Verfärbung nach rosa(lich) - Baden-Württemberg, ö. Stuttgart, Lorch-Waldhausen, 11.5.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
Entoloma-sepium-Zaunrötling-Anilin-Remstal-Schlehe-Pflaume-Garten
"Verfärbung mit Anilin beim Schlehen-Rötling (Entoloma sepium) - Verfärbung nach rot - Lorch-Waldhausen, 11.5.2013, Standort-Fake auf Balkon von Lothar Krieglsteiner (Schwäbisch Gmünd-Bettringen)
Entoloma-sepium-Zaunrötling-Guajak-Remstal-Schlehe-Pflaume-Garten
Verfärbung mit Guajak beim Schlehen-Rötling (Entoloma sepium) - Verfärbung nach blau - Lorch-Waldhausen ö. Stuttgart, 11.5.2013 (Standort-Fake auf Balkon von Lothar Krieglsteiner (Schwäbisch Gmünd-Bettringen)

Es gibt im Frühling noch eine Menge weiterer Rötlingsarten – ich spreche hier einige weitere nur kurz an: unter Ulmen (selten Ahorn) findet man die Arten E. saundersii und E. aprile, die auch in Untergattung Entoloma gehören. Zu Nolanea, den kegelig-gebuckelten Rötlingen („Glöcklingen“) gehören E. hirtipes (Traniger Glöckling, Pilz des Monats April 2014) und der Frühlings-Giftrötling (Entoloma vernum). Wie bereits erwähnt, wachsen auch zahlreiche Arten der spätereren Saison oft schon im Frühling – um nur zwei zu nennen, z.B. der Scherben-Rötling (E. cetratum – z.B. letzte Woche gefunden!, 19.4.15) und der Kreuzsporige Rötling (E. conferendum).

Weniger bekannt sind einige sehr seltene Arten, die in Sektion Erophila (Untergattung Inocephalus, „Filz-Rötlinge“) zusammengefasst werden. Es handelt sich – ähnlich den Vertretern der Untergattung Entoloma – um Arten mit Ritterlings-Habitus, also relativ fleischige Pilze mit ausgebuchteten Lamellen, die zugegebenermaßen allerdings relativ klein sind. Im Gegensatz zu letzteren sind die Hüte (und Stiele) aber nicht glatt.


Beim Frühlingspilzkurs im Jahr 2013 (also vor 2 Jahren) konnte an einer erloschenen Speisemorchel-Fundstelle (unter Eschen auf Malm-Kalk) auf der Ostalb bei Schwäbisch Gmünd eine seltene Art aus dieser Gruppe gefunden werden: der Opake Rötling (Entoloma opacum). Ich füge 3 Bilder an: den Habitus selbst sowie Detail-Aufnahmen der Hut-Oberfläche und der Stielspitze mit Lamellen.

Entoloma-opacum-Kaltes-Feld-Schwäbische-Alb-Bergahorn-Frühlingspilzkurs-Morchelsuche-Schwäbisch-Gmünd
Opaker Rötling (Entoloma opacum) - "Kaltes Feld" sö. Schwäbisch Gmünd (Schwäbische Alb, ö. Stuttgart) unter Eschen über Malmkalk, am 30.4.2013, leg. Pilzkurs, det., fot. L. Krieglsteiner
Entoloma-opacum-Detail-Hut-Schwäbische-Alb-Bergahorn-Frühlingspilzkurs-Morchelsuche-Schwäbisch-Gmünd
Opaker Rötling (Entoloma opacum) - Hutoberfläche mit DNT-Digital Mikroskop - "Kaltes Feld" bei Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg ö. Stuttgart), am 30.4.2013
Entoloma-opacum-Detail-Stiel-Schwäbische-Alb-Bergahorn-Frühlingspilzkurs-Morchelsuche-Schwäbisch-Gmünd
Opaker Rötling (Entoloma opacum) - Stielspitze und Lamellen mit DNT-Digital Mikroskop - "Kaltes Feld" bei Schwäbisch Gmünd, am 30.4.2013, leg. Pilzkurs, det. L. Krieglsteiner

Ach ja - fast hätte ich es vergessen zu erwähnen. Wer interessiert daran wäre, mehr über Rötlinge, ihre Bestimmung, ihre Vielfalt, ihre Ökologie, ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu erfahren und in die Welt dieser sehr großen Gattung (es ist die zweitgrößte Lamellenpilzgattung nach den Schleierlingen) einzutauchen, dem würde ich folgenden Kurs empfehlen (vgl. auch Seminarprogramm 2015):


Pilz des Monats April 2015 - Fleischfarbener Zwergknäueling (Panellus ringens)

Dieser hübsche Pilz ist eine typische Art der Wintersaison, wie die meisten anderen Arten der Gattung. Am ähnlichsten ist der dunkler violett gefärbte Violettfilzige Zwergknäueling (Panellus violaceofulvus), der in Mittelgebirgslagen an Ästen von Tannen (Abies alba) nicht so selten ist, gerade in meiner Heimat, dem Schwäbisch-Fränkischen Wald (Baden-Württemberg). Der Fleischfarbene Zwergknäueling beginnt jung mit prächtig rosa Fruchtkörpern, die aber zunehmend verblassen und schließlich die typisch fleischfarbene bis fleischbraune Tönung annehmen.

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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens), ganz junge Fruchtkörper. Bayern, Rhön, Bischofsheim, "Ilmenberg", am 22.2.2007, an Salix caprea, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens) jung - Bayern, Rhön, Bischofsheim, "Stengerts", an Salix caprea, am 26.2.2007, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Panellus ringens gilt als sehr selten, innerhalb Deutschlands ist die sonst nordisch verbreitete Art (sie kommt z.B. in Norwegen, Schweden und Finnland vor) bisher nur aus Baden-Württemberg (vgl. Flora BW) und Bayern bekannt. Wohl die ersten (die einzigen?) bayerischen Funde stammen von mir – ich konnte die Art im Zuge meiner Bearbeitung der Pilze des Biosphären-Reservates Rhön und auch bei Besuchen danach mehrmals finden. Substrat war dabei einmal Alnus viridis (die Grünerle hat in der Rhön gepflanzte Vorkommen!), sonst aber immer die Salweide (Salix caprea), an der die Art in der Regel schon im Luftraum, an den hängenden Zweigen und dünneren Ästen, fruktifiziert.

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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens) - Bayern, Rhön, Bischofsheim, "Bauersberg", an Salweide (Salix caprea), am 27.2.2006, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

„Im Schwäbischen“ habe ich die Art bisher vergeblich gesucht, obwohl ich mir denke, dass sie im Schwäbisch-Fränkischen Wald gefunden werden können sollte (… schönes Deutsch J). Immerhin gibt es auch eine Alt-Angabe von H. Payerl bei Waldmannshofen, die in meines Vaters Büchlein „Die Pilze des Welzheimer Waldes und der Ostalb“ von 1973 veröffentlicht wurde, später aber offenbar nicht mehr akzeptiert, denn sie fehlt in der Baden-Württemberg-Flora. Dort finde ich allerdings einen Fund vom Fuß der Ostalb, bei Oberkochen, von Karl Neff. Dass ich den Pilz nun aktuell als Pilz des Monats auswähle, hat nun folgenden Grund. Denn vor wenigen Tagen (21. und 22. März) fand ich diese Art erstmals außerhalb der bayerischen Rhön, und zwar im Nationapark Eifel (Nordrhein-Westfalen unweit der belgischen Grenze). Es gelangen zwei Funde im bekannten Habitat, also an hängenden Zweigen an stehenden, älteren Salweiden. Ich denke mir, dass die Art in Deutschland weiter verbreitet sein sollte, und es sollte vor allem in luftfeuchten Mittelgebirgslagen nach ihr gesucht werden. Neben Weide und Erle wird auch öfter Birke als Substrat genannt.

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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens) - Nordrhein-Westfalen, Nationalpark Eifel, Erkensruhr, Gierbachtal, an Salix caprea, 22.3.15, leg., det. L. Krieglsteiner (Foto L. Krieglsteiner)
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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens), Nationalpark Eifel, "Sauerbachtal", an Salix caprea, 21.3.15
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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens) - Nationalpark Eifel (Nordrhein-Westfalen) bei Einruhr, Kompilation zweier Funde am 21.3. und 22.3.2015 ("Sauerbachtal" und "Gierbachtal") an Salweide (Salix caprea), beide an hängenden Ästen an Salweide21.3.15, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens) - Nordrhein-Westfalen, Nationalpark Eifel, "Sauerbachtal", an Salix caprea - Teil der Fruchtkörper von unten (leg., det., fot. L. Krieglsteiner)
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Fleischroter Zwergknäueling (Panellus ringens) - Nordrhein-Westfalen, Nationalpark Eifel, "Sauerbachtal", an Salix caprea, leg., det., fot. L. Krieglsteiner)

  


Pilz des Monats März 2015 - Judasohr (Auricularia auricula-judae)

sehen Sie hierzu auch: http://youtu.be/faNCDXFO0NA

Das Judasohr gehört zu einer relativ exotischen Pilzgruppe, den „Ohrlappenpilzen“. Noch vor kurzem waren sie eine eigene Ordnung – heute hat sich herausgestellt, dass sie mit den Drüslingen näher verwandt sind als bisher angenommen. Tatsache ist, dass die Ohrlappenpilze (Gattung Auricularia und einige weitere Gattungen) quergeteilte Ständer haben (wie die früher als verwandt angesehenen Rost- und Brandpilze), während die Drüslinge (Gattung Exidia), der Zitterzahn (Pseudohydnum), der Gallerttrichter (Guepinia) und einige weitere Gallertpilze wie die nicht so nahe verwandten Zitterlinge (Tremella) längsgeteilte Ständer besitzen. Der „normale“ Ständerpilz (vom Steinpilz bis zum Flaschenstäubling) hat dagegen ungeteilte, keulenförmige Ständer. Die Zitterlinge sind im Übrigen Pilzparasiten, während die "neuen Auriculariales" mit Judasohr, Drüsling und Zitterzahn sämtlich Saprobionten an morschem Holz sind.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae) - Babenhausen (Hessen), 7.2.2013, an Schwarzem Holunder (Sambucus nigra), leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Das Judasohr also ein Verwandter der Drüslinge – nun, schon der optische Eindruck legt dies eigentlich nahe J Das Judasohr (Auricularia auricula-judae) ist ein sehr interessanter Pilz. In Europa ist er ziemlich häufig, vor allem im Flachland und in den Flussauen. Sein Lieblings-Wirt ist der Schwarze Holunder (Sambucus nigra), es besiedelt aber sehr unterschiedliches Laub- und ausnahmsweise sogar Nadelholz, z.B. oft Buche, Pfaffenhütchen oder verschiedene Ahorn-Arten. Junge Fruchtkörper sind kreiselförmig.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae), junge, kreiselförmige Fruchtkörper. Oktober 2012, Bannwald Schlierbach unweit Bad Rappenau (Heilbronn, Baden-Württemberg), an Buche, leg., det., fot. L. Krieglsteiner (Pilzschule Schwäbischer Wald)
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Judasohr (Auricularia auricula-judae), noch junge, kreiselförmige, aber schon rotbraune Fruchtköroer an indet. Schwemmholz von Fluss (Portugal, Naturpark Guadiana, Pulo do Lobo, 28.12.2014, leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, fot. L. Krieglsteiner) -im Bild ist auch ein weißer Rindenpilz zu sehen (vielleicht Hyphodontia sambuci, eine mikroskopische Prüfung erfolgte nicht)

Erst im Alter nehmen sie nach und nach die typische Ohrenform und die Runzelung von Fruchtschicht und oft auch Außenseite an. Und junge Fruchtkörper sind relativ blass karamellbraun, während reifere Fruchtkörper dunkel rotbraun sind, eingetrocknet sogar nahezu schwarz.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae) - Ohrlappenform reiferer Fruchtkörper. Babenhausen (Hessen), 7.2.2013, an Holunder, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Judasohr (Auricularia auricula-judae), ältere und runzelige Fruchtköroer. Großes Lautertal (Schwäbische Alb, Baden-Württemberg, 29.12.2011), an Holunder (Sambucus nigra), leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Womit wir beim nächsten Punkt wären: das Judasohr ist – wie es sich für eine Art gehört, die man oft im Luftraum an stehenden Stäuchern und Bäumen findet – ein trockenresistenter Pilz, d.h. seine Fruchtkörper können (anders als die meisten Pilze, die am Boden wachsen, als Beispiel nenne ich den Perlpilz) eintrocknen und bei erneuter Befeuchtung durch Regen wieder „aufleben“. Kaum sonst wäre es möglich, am stehenden Baum, wo Wasser sehr schnell wieder abläuft und der Wind alles austrocknet, rechtzeitig die Entwicklung bis hin zur Sporenreife abzuschließen.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae) an stehendem Holunder (Sambucus nigra). Ochsenfurt (Bayern, Mainfranken), 29.4.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Judasohr (Auricularia auricula-judae) an stehendem Holunder. Ochsenfurt (Bayern, Mainfranken), 29.4.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Das Judasohr ist so auch das ganze Jahr über zu finden – mit Schwerpunkt in der feuchteren Wintersaison. Das Judasohr ist essbar, auch wenn es wenig Eigengeschmack hat. Seine Konsistenz jedoch macht es zu einem brauchbaren Mischpilz z.B. für Gemüsegerichte.

Womit wir bei seiner Verwandtschaft wären. In Asien, speziell in China, ist mit Auricularia polytricha eine nahe verwandte und ähnliche Schwester-Art als Nahrungsmittel und als Heilpilz beliebt und verbreitet. A. polytricha (der Name bedeutet so viel wie die „vielhaarige“) hat eine stärkere Behaarung als das europäische Judasohr, das aber ebenfalls einen dichten Haarfilz auf der Außenseite der Fruchtkörper ausbildet.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae), Haarfilz auf der Außenseite. Detailaufnahme mit DNT Digital Microscope. Ochsenfurt (Bayern, Mainfranken), 13.4.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Das asiatische Judasohr ist auch unter dem Namen „mu err“ bekannt, was so viel wie Baumohr bedeutet, also ein ganz vergleichbarer Name. Medizinisch wird ihm u.a. eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben. Jeder, der ab und zu beim Chinesen einkehrt, kennt den Mu Err und weiß ihn wegen seiner etwas gummiartigen, zum Kauen einladenden Konsistenz zu schätzen oder auch nicht so sehr. Auf alle Fälle ist die Bezeichnung „chinesische Morchel“, unter der der Pilz im Handel und auf Speisekarten ebenso geführt wird, nicht nur wissenschaftlich falsch (Morcheln sind Schlauchpilze und somit in keiner Weise verwandt), sondern auch insofern ein wirklicher Etikettenschwindel, denn Morcheln sind vorzügliche Speisepilze mit einem ausgeprägten Eigengeschmack. Pilzschule Schwäbischer Wald bietet regelmäßig Kurse an, die dem Teilnehmer ermöglichen, Morcheln künftig selbst zu sammeln, denn man findet sie nicht überall. Mu Err jedoch hat so gut wie keinen Eigengeschmack – ich sage immer, es schmeckt so wie das „Glutamasi Goreng außen herum“ J.

Gelegentlich findet man auch Judasohren, die nahezu rein weiß gefärbt sind. Taxonomisch ist das aber ohne Bedeutung, eine reine Pigment-Verlust-Variante, wie sie ja auch z.B. beim Samtfußrübling (vgl. Pilz des Monats Februar 2015) vorkommt.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae), weißliche Variante mit der Normalform (Scan von Dia I. Möllenkamp, Nordrhein-Westfalen, ca. 2000)

Pilz des Monats Februar 2015 - Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.)

sehen Sie hierzu auch: http://youtu.be/_alaPwtbM5c

Der Samtfußrübling, auch Winterpilz oder von den Asiaten Enoki genannt, ist neben dem Austernseitling (Pleurotus ostreatus) einer der beiden klassischen Speisepilze der Winter-Saison – wie dieser wächst er vorzugsweise an Laub-, nur selten an Nadelholz.

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Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) im Schnee - Nordrhein-Westfalen, bei Bad Laasphe, Aufnahme H. Pollin

Dass der „velvet shank“ (auch „fuzzy foot“) durchaus gut schmeckt (ich habe es zusammen mit Katharina neulich selbst probiert), weiß man auch in anderen Ländern bis nach Ostasien und Japan, wo Enoki nach dem Shiitake der am zweithäufigsten angebaute Speisepilz ist. Außerdem kommt der Pilz auch in der (alternativen und chinesischen) Medizin zur Anwendung – soll er doch das Immunsystem stärken sowie den Blutzucker- und den Cholesterinspiegel senken, auch tumorhemmende Wirkung werden dem Pilz nachgesagt (wie im Übrigen vielen weiteren holzabbauenden Pilzarten).

 
Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - junge Fruchtkörper - Bargauer Horn bei Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg ö. Stuttgart) am 19.1.2013, an Esche (Fraxinus excelsior), leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - ältere Fruchtkörper - Bargauer Horn bei Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg ö. Stuttgart) am 19.1.2013, an Esche (Fraxinus excelsior), leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - am "Seebach" bei Gschwend (n. Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg) am 19.1.2013, an indet. Laubholz, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - Stuttgart-Bad Cannstatt (Baden-Württemberg) am 16.1.2013, an Laubholzstumpf (? Rosskastanie Aesculus), leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, fot. L. Krieglsteiner
Flammulina-velutipes-Haselbach-Schwäbisch-Gmünd-Baden-Württemberg-Samtfußrübling-Enoki-Winterpilz-Pilzschule-Pilzseminare-Pilzkurse
Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - Haselbachtal bei Schwäbisch Gmünd (Baden-Württemberg ö. Stuttgart) am 19.1.2013, an Weide - eventuell Flammulina elastica? - leg, det., fot. L. Krieglsteiner
Flammulina-velutipes-Kroatien-Nationalpark-Plitvicer-Seen-Samtfußrübling-Enoki-Winterpilz
Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - Kroatien, Nationalpark Plitvicer Seen, am 19.3.2011, an Laubholz (? Buche), leg., det., fot. L. Krieglsteiner
Flammulina-velutipes-Rhön-Eisgraben-Bayern-Samtfußrübling-Enoki-Winterpilz-Pilzschule-Pilzseminare-Pilzkurse
Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - Rhön, NSG "Eisgraben" (Bayern) am 24.2.2007, an Bergulme (Ulmus glabra), leg., det., fot. L. Krieglsteiner
Flammulina-velutipes-Rhön-2-Samtfußrübling-Enoki-Winterpilz-Pilzschule-Pilzseminare-Pilzkurse
Samtfußrübling oder Enoki (Flammulina velutipes s.l.) - Rhön, NSG "Eisgraben" (Bayern) am 24.2.2007, an stehender Bergulme (Ulmus glabra), leg., det., fot. L. Krieglsteiner
Flammulina-velutipes-Ulm-Sipple-Samtfußrübling-Enoki-Winterpilz-Pilzschule-Pilzseminare-Pilzkurse
Samtfußrübling oder Enoki (Flammulina velutipes s.str.) - Ulm-Donautal (Baden-Württemberg) am 25.3.2013, an Laubholz, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Rüblinge sind weißsporige Lamellenpilze mit nicht-freien, sondern schmal angewachsenen Lamellen und dazu Stielen mit stark faseriger Konsistenz. Dies trifft auch auf die Gattung der Samtfußrüblinge (Flammulina) zu, die aber keine nähere Verwandtschaft zu den meist in der Laub- und Nadelstreu lebenden Rüblingen im engen Sinne (Gymnopus und Rhodocollybia) aufweisen. Stattdessen wird die Gattung Flammulina heute nicht zuletzt aufgrund molekularbiologischer Befunde zusammen mit Schleim-, Filz- und Zapfenrüblingen (Mucidula, Xerula und Strobilurus) sowie Hallimasch (Armillaria) in die neue Familie Physalacriaceae (ehemalige Xerulaceae) gestellt. Mit Filz- und Zapfenrüblingen gemein haben die Samtfußrüblinge auch mikroskopische Merkmale wie den ausgiebigen Besitz von Zystiden auf Hut und Stiel sowie in den Lamellen gemein. Der samtige Stiel, der erst bei älteren und trockeneren Fruchtkörpern dunkel und auffällig wird, ist neben den bereits genannten das wichtigste Merkmal, um Samtfußrüblinge von anderen büschelig an Holz wachsenden Pilzen ohne Velum zu unterscheiden.

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Samtfußrübling (Flammulina velutipes s.l.) - Detailaufnahme der Stielspitze - schön erkennbar die samtige Struktur ("velvet shank") - Bernhardus bei Schwäbisch Gmünd (Schwäbische Alb, Baden-Württemberg), Februar 2011, leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, fot. L. Krieglsteiner

Der Samtfußrübling war also bis vor kurzem eine leicht bestimmbare Art. Zumindest für die Wissenschaftler unter uns hat sich dies geändert, denn es hat sich herausgestellt, dass Flammulina velutipes eine Sammelart ist, die verschiedene, makroskopisch ziemlich gleich aussehende Arten umfasst. Diese unterscheiden sich im Kulturverhalten und in ihrem Erbgut, allerdings auch in der Sporengröße und der Ausbildung der Huthaut – korreliert zum Teil auch mit der Bevorzugung bestimmter Baumarten als Wirte (z.B. F. populicola vor allem an Pappel, F. elastica vor allem an Weide.

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Flammulina velutipes im engen Sinne - Sporen (mit Messung der Länge). Sporenmaße sind neben der Untersuchung der Huthaut heute wichtig, um die "Kleinart" des Gemeinen Samtfußrüblinges (Flammulina velutipes im weiten Sinne) zu bestimmen. Apropos: s.str.: sensu stricto, im engen Sinne - s.l.: sensu lato, im weiten Sinne (leg., det., fot. L. Krieglsteiner)

Für wissenschaftliche Erfassungen muss man Samtfußrüblinge also heute mikroskopisch untersuchen (was bei den hier vorgestellten Kollektionen nicht geschehen ist) – was den Speisepilzsammler nicht beunruhigen muss. Dieser verwendet in der Regel nur die ganz jungen Pilze und von etwas älteren nur die Hüte, weil die Stiele doch (nach trefflicher Rüblings-Manier) zum Faserig-werden neigen.

Abgesehen von der Sammelart des Gewöhnlichen Samtfußrüblings (Flammulina velutipes s.l.) wurden jedoch schon vorher andere Arten der Gattung erkannt. Der Steppen-Samtfußrübling (Flammulina ononidis) wächst an Wurzeln der Dornigen Hauhechel (Ononis spinosa), einem verholzten klee-ähnlichen Kleinstrauch in Magerwiesen und Trockenrrasen. Der Blasse Samtfußrübling (Flammulina fennae) wächst meist schon zur „normalen Pilzzeit“ in Auenwäldern und hat recht blass lederfarbene Hüte. Blässlinge gibt es allerdings auch von „normalen“ enoki, diese werden als „var. lactea“ bezeichnet und haben keinen taxonomischen Wert, oft kommen sie am gleichen Holzstück wie die Normalform vor.

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Weißer Samtfußrübling (Flammulina velutipes var. lactea) - Thüringen, Foto P. Püwert - taxonomisch nicht bedeutungsvolle Pigmentverlust-Variante

Schließlich noch der Dünen-Samtfußrübling (Flammulina mediterranea), der inzwischen in eine eigene Gattung Laccariopsis gestellt wurde - wohl in erster Linie, weil ihm die für die Gattung sonst typischen Zystiden in der Huthaut fehlen. Diesen konnte ich diesen Winter erstmals finden – im portugiesischen Alentejo an der Atlantik-Küste.


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Dünen-Samtfußrübling (Flammulina mediterranea alias Laccariopsis mediterranea) - am 17.12.2014 am Strand bei Porto Covo (Alentejo, Westküste zum Atlantik, Portugal), leg. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner


Pilz des Monats Januar 2015 - Laternen-Gitterling (Colus hirudinosus)

Wie in den letzten Jahren habe ich – wie letztes Jahr zusammen mit Katharina – in diesem Winter den Süden Portugals (Algarve und Alentejo) besucht. Im Vergleich zu den letzten Jahren gab es diesmal durchaus viele Pilze zu finden und zu bestimmen, so dass ich durchaus auch am Mikroskop recht ausgeslastet war. So konnte ich einige Pilzarten finden, die ich noch nie gesehen habe – vor allem deshalb, weil es sich um mediterran verbreitete Pilze handelt. Dies gilt auch für meinen Favoriten, den ich hier vorstellen möchte, den „Laternen-Gitterling“ (so auf einer Schweizer Pilzseite genannt – http://www.vapko.ch/index.php/de/fragen-rund-um-pilze/die-seite-fur-den-anfanger/233-39-die-gastromyceten-die-bauchpilze-8-ordnung-der-phallales-stinkmorchel-und-gitterlingsartige). Ein anderer Name ist „Eiförmiger Stielgitterling“. Die selten gefundene Art ist allerdings in Südeuropa verbreitet und auch in Portugal schon gefunden worden (Angabe in Jülich: Nichtblätterpilze).

Beim Finden dachten wir erst an kleine Exemplare des in der Algarve ebenfalls und nicht so selten vorkommenden Scharlachroten Gitterlings, neben der Kleinheit der Fruchtkörper war jedoch die Gitter-Ausbildung eine ganz andere.

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Laternen-Gitterling (Colus hirudinosus) am Standort in der Algarve (Portugal) bei Faro (Naturpark Ria Formosa), leg. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner

Der Vergleich mit Bildern im Internet zeigte schnell die richtige Zugehörigkeit an. Wie der Gitterling und andere „Pilzblumen“ riecht auch Colus hirudinosus ausgeprägt widerlich-aasartig, zumindest aus der Sicht von uns Menschen. Fleisch- und Schmeißfliegen denken darüber anders und lassen sich sehr gerne auf der Gleba (der reifen, dunklen Sporenmasse) nieder, um zu fressen.

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Colus hirudinosus (Laternen-Gitterling) in der Algarve (Portugal) ö. Faro - hübsche, kleine Pilzblume mit ekligem Gestank, leg. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, det., fot. L. Krieglsteiner

Der Laternen-Gitterling ist aber viel kleiner als der „richtige“ Gitterling und hat einen ausgeprägten Stielteil im Rezeptakulum. Wie andere Pilzblumen hat er auch einen ausgeprägten, dicken und weißen Myzelstrang an der Basis - vergleichen Sie dies einmal bei unserer heimischen Stinkmorchel.

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Colus hirudinosus aus Ria Formosa (Algarve, Faro) mit dem für Pilzblumen typischen Myzelstrang, fot. L. Krieglsteiner

Dabei war der Exkursionstag (es war Katharinas Geburtstag) eigentlich der Beobachtung von Wasservögeln gewidmet, dafür waren wir von Silves aus in das Naturschutzgebiet „Ria Formosa“ an der Südküste östlich von Faro gefahren. Nun – die erste Stunde war dann doch überwiegend wieder den Pilzen gewidmet, bevor Storch, Regenpfeifer, Wiedehopf & co doch noch zu ihrem Recht kamen. Der Fundort war ein etwas anthropogen überformter, lichter Kiefern-Mischwald in ca. 150 m Abstand zur Atlantik-Küste.

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