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Pilz des Monats März 2015 - Judasohr (Auricularia auricula-judae)

sehen Sie hierzu auch: http://youtu.be/faNCDXFO0NA

Das Judasohr gehört zu einer relativ exotischen Pilzgruppe, den „Ohrlappenpilzen“. Noch vor kurzem waren sie eine eigene Ordnung – heute hat sich herausgestellt, dass sie mit den Drüslingen näher verwandt sind als bisher angenommen. Tatsache ist, dass die Ohrlappenpilze (Gattung Auricularia und einige weitere Gattungen) quergeteilte Ständer haben (wie die früher als verwandt angesehenen Rost- und Brandpilze), während die Drüslinge (Gattung Exidia), der Zitterzahn (Pseudohydnum), der Gallerttrichter (Guepinia) und einige weitere Gallertpilze wie die nicht so nahe verwandten Zitterlinge (Tremella) längsgeteilte Ständer besitzen. Der „normale“ Ständerpilz (vom Steinpilz bis zum Flaschenstäubling) hat dagegen ungeteilte, keulenförmige Ständer. Die Zitterlinge sind im Übrigen Pilzparasiten, während die "neuen Auriculariales" mit Judasohr, Drüsling und Zitterzahn sämtlich Saprobionten an morschem Holz sind.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae) - Babenhausen (Hessen), 7.2.2013, an Schwarzem Holunder (Sambucus nigra), leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Das Judasohr also ein Verwandter der Drüslinge – nun, schon der optische Eindruck legt dies eigentlich nahe J Das Judasohr (Auricularia auricula-judae) ist ein sehr interessanter Pilz. In Europa ist er ziemlich häufig, vor allem im Flachland und in den Flussauen. Sein Lieblings-Wirt ist der Schwarze Holunder (Sambucus nigra), es besiedelt aber sehr unterschiedliches Laub- und ausnahmsweise sogar Nadelholz, z.B. oft Buche, Pfaffenhütchen oder verschiedene Ahorn-Arten. Junge Fruchtkörper sind kreiselförmig.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae), junge, kreiselförmige Fruchtkörper. Oktober 2012, Bannwald Schlierbach unweit Bad Rappenau (Heilbronn, Baden-Württemberg), an Buche, leg., det., fot. L. Krieglsteiner (Pilzschule Schwäbischer Wald)
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Judasohr (Auricularia auricula-judae), noch junge, kreiselförmige, aber schon rotbraune Fruchtköroer an indet. Schwemmholz von Fluss (Portugal, Naturpark Guadiana, Pulo do Lobo, 28.12.2014, leg., det. Katharina Löw & L. Krieglsteiner, fot. L. Krieglsteiner) -im Bild ist auch ein weißer Rindenpilz zu sehen (vielleicht Hyphodontia sambuci, eine mikroskopische Prüfung erfolgte nicht)

Erst im Alter nehmen sie nach und nach die typische Ohrenform und die Runzelung von Fruchtschicht und oft auch Außenseite an. Und junge Fruchtkörper sind relativ blass karamellbraun, während reifere Fruchtkörper dunkel rotbraun sind, eingetrocknet sogar nahezu schwarz.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae) - Ohrlappenform reiferer Fruchtkörper. Babenhausen (Hessen), 7.2.2013, an Holunder, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Judasohr (Auricularia auricula-judae), ältere und runzelige Fruchtköroer. Großes Lautertal (Schwäbische Alb, Baden-Württemberg, 29.12.2011), an Holunder (Sambucus nigra), leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Womit wir beim nächsten Punkt wären: das Judasohr ist – wie es sich für eine Art gehört, die man oft im Luftraum an stehenden Stäuchern und Bäumen findet – ein trockenresistenter Pilz, d.h. seine Fruchtkörper können (anders als die meisten Pilze, die am Boden wachsen, als Beispiel nenne ich den Perlpilz) eintrocknen und bei erneuter Befeuchtung durch Regen wieder „aufleben“. Kaum sonst wäre es möglich, am stehenden Baum, wo Wasser sehr schnell wieder abläuft und der Wind alles austrocknet, rechtzeitig die Entwicklung bis hin zur Sporenreife abzuschließen.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae) an stehendem Holunder (Sambucus nigra). Ochsenfurt (Bayern, Mainfranken), 29.4.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner
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Judasohr (Auricularia auricula-judae) an stehendem Holunder. Ochsenfurt (Bayern, Mainfranken), 29.4.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Das Judasohr ist so auch das ganze Jahr über zu finden – mit Schwerpunkt in der feuchteren Wintersaison. Das Judasohr ist essbar, auch wenn es wenig Eigengeschmack hat. Seine Konsistenz jedoch macht es zu einem brauchbaren Mischpilz z.B. für Gemüsegerichte.

Womit wir bei seiner Verwandtschaft wären. In Asien, speziell in China, ist mit Auricularia polytricha eine nahe verwandte und ähnliche Schwester-Art als Nahrungsmittel und als Heilpilz beliebt und verbreitet. A. polytricha (der Name bedeutet so viel wie die „vielhaarige“) hat eine stärkere Behaarung als das europäische Judasohr, das aber ebenfalls einen dichten Haarfilz auf der Außenseite der Fruchtkörper ausbildet.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae), Haarfilz auf der Außenseite. Detailaufnahme mit DNT Digital Microscope. Ochsenfurt (Bayern, Mainfranken), 13.4.2013, leg., det., fot. L. Krieglsteiner

Das asiatische Judasohr ist auch unter dem Namen „mu err“ bekannt, was so viel wie Baumohr bedeutet, also ein ganz vergleichbarer Name. Medizinisch wird ihm u.a. eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben. Jeder, der ab und zu beim Chinesen einkehrt, kennt den Mu Err und weiß ihn wegen seiner etwas gummiartigen, zum Kauen einladenden Konsistenz zu schätzen oder auch nicht so sehr. Auf alle Fälle ist die Bezeichnung „chinesische Morchel“, unter der der Pilz im Handel und auf Speisekarten ebenso geführt wird, nicht nur wissenschaftlich falsch (Morcheln sind Schlauchpilze und somit in keiner Weise verwandt), sondern auch insofern ein wirklicher Etikettenschwindel, denn Morcheln sind vorzügliche Speisepilze mit einem ausgeprägten Eigengeschmack. Pilzschule Schwäbischer Wald bietet regelmäßig Kurse an, die dem Teilnehmer ermöglichen, Morcheln künftig selbst zu sammeln, denn man findet sie nicht überall. Mu Err jedoch hat so gut wie keinen Eigengeschmack – ich sage immer, es schmeckt so wie das „Glutamasi Goreng außen herum“ J.

Gelegentlich findet man auch Judasohren, die nahezu rein weiß gefärbt sind. Taxonomisch ist das aber ohne Bedeutung, eine reine Pigment-Verlust-Variante, wie sie ja auch z.B. beim Samtfußrübling (vgl. Pilz des Monats Februar 2015) vorkommt.

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Judasohr (Auricularia auricula-judae), weißliche Variante mit der Normalform (Scan von Dia I. Möllenkamp, Nordrhein-Westfalen, ca. 2000)
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